Kennen Sie schon den weltberühmten israelischen Choreographen Ohad Naharin? Wenn nicht, dann haben Sie bislang außergewöhnliche Tanzperformances verpasst, die stark von seiner eigens kreierten Bewegungssprache „Gaga“ beeinflusst werden. Regisseur Tomer Heymann widmet sich diesem Ausnahmetalent in seiner neuesten Tanz-Dokumentation Mr. Gaga, die derzeit in den deutschen Kinos läuft. Wir sprachen mit ihm über seine eigene Karriere und über den Dreh einer eindrücklichen, bildgewaltigen aber auch fast intimen Biographie.

Herr Heymann, wann merkten Sie, dass Sie Regisseur werden wollen, und wie gelangten Sie zu diesem Beruf?

Wie wurde ich zum Regisseur … Uff! Das ist das erste Mal, das mich jemand danach fragt. Daher versuche ich mal einfach zum Anfang zurück zu gehen. Eines Tages sah ich den Film der Frau von Francis Ford Coppola („Hearts Of Darkness: A Filmmaker’s Apocalypse“ 1991). Ich war in New York und es war so im Jahr 1995/96. Ich hatte mir gerade erst eine Video-Kamera gekauft. Es war eine kleine Sony-Kamera und es war das erste mal, dass ein solches Unternehmen eine Kamera für Jedermann entwickelte, die eine Mini DV Kassette für die Aufnahmen nutzte. Es war eine kleine Revolution! Ich kehrte nach Israel zurück, um mit einer Gruppe aus Teenagern zusammenzuarbeiten, die voller Gewalt waren und eine Abneigung gegen Homosexuelle besaßen. Eigentlich hatte ich nur den Job eines Sozialarbeiters, der mit dieser Gruppe arbeiten sollte. Aber zugleich spürte ich, dass aus diesem Projekt etwas ganz besonderes werden könnte. Daher fragte ich einen guten Freund, ob er uns nicht mit der von mir in New York erstandenen Kamera die nächsten zwei Jahre über folgen könnte, ohne dass ich hier ein Konzept im Kopf hatte. Am Ende des Projektes entdeckte ich etwas unglaublich mächtiges in den Dialogen, die ich versuchte mit den Teenagern zu führen. Das waren wirklich tiefgehende und grundverschiedene Hintergründe. 2001 machte ich aus den Aufnahmen dann schließlich meinen ersten Film namens „It Kinda Scares Me“ („Tomer Ve-Hasrutim“). Und als ich zum Kino ging, kannte mich noch niemand und wusste auch niemand, dass ich die Regie führte. Daher war es ein großer Erfolg für mich, dass sich über 50 000 Menschen den Film im Kino ansahen. Das war der Beginn meiner Karriere, das war mein erstes Projekt. Es begann also in dem Jahr, als ich die Kamera nehmen und zugleich ein Projekt über Leute machen wollte, die in meinem Milieu waren, sowie über einige soziale Aspekte. Irgendetwas über die Gesellschaft, aber noch viel mehr über die Untergrund-Gesellschaft. In Israel nennen wir die Menschen, die kein Gesicht und keine Stimme in den Medien haben die „Schatten-Leute“. Verstehen Sie was das bedeutet? Das sind Menschen, die nicht von den Medien berücksichtigt werden, weil sie eine Art Überbleibsel der Gesellschaft sind. Daher dachte ich, ich könnte versuchen zu ihrem Gesicht und zu ihrer Stimme zu werden, um sie in das Bewusstsein der allgemeinen Gesellschaft zu rücken, die manchmal blind gegenüber solchen Dingen ist. Es ist gar nicht so einfach, damit umzugehen. Aber ich dachte, es ist Zeit zu kämpfen und all ihre Stimmen auch in Filmen und Medien auftauchen zu lassen. Für sie versuche ich solche Projekte und Subjekte zu finden, die wirklich nah oder relevant für mein Leben sind. Das nächste große Projekt hieß „Paper Dolls“ (2006), das den Publikumspreis der Berlinale 2015 erhielt.

Was unterscheidet „Mr. Gaga“ von Ihren anderen Dokumentationen?

In den anderen Dokumentationen, insbesondere in „Paper Dolls“ und „I Shot My Love“tauche ich selbst auf. Dadurch bin ich also Teil der narrativen Erzählung und beeinflusse sie dementsprechend als Charakter. Z. B. in „Paper Doll“, als ich diesen Übergangs-Phillipiner treffe und versuche, ihn vor den israelischen Polizisten zu schützen, danach wird er zu einem meiner besten Freunde. Und später, als ich „I Shot My Love“ zusammen mit meinem deutschen Lebenspartner drehte, zeigte ich mich und meine Familie. Gleiches gilt für „The Queen Has No Crown“, das ebenfalls auf der Berlinale lief. Für „Mr. Gaga“ entschied ich mich erstmals dagegen, mich selbst oder meine Stimme im Film vorkommen zu lassen und genügend Raum zu lassen bzw. den Film komplett diesem außergewöhnlichen Künstler, Ohad Naharin zu widmen, der mich schon mein ganzes Leben über inspiriert. Zudem kann ich so meine persönliche Verbindung zu dem Thema und zu dem Film durch den Film selbst transportieren und nicht durch mich selbst. Was „Mr. Gaga“ ebenfalls von meinen anderen Projekten unterscheidet ist, dass es das erste Mal ist, dass ich einen Film beginne und eine grobe Richtlinie bzw. eine Erzähl-Richtung habe, ich kannte das Ziel. Zudem ist „Mr. Gaga“ ein ziemlich visueller Film und es war das erste Mal, dass ich mit einem professionellen Kameramann zusammenarbeitete. Die anderen Projekte wurden von mir selbst gedreht oder ich bemühte meinen Freund, meinen Bruder oder meine Familie. In sehr persönlichen Momenten meines Lebens war ich es selbst, der die Kamera hielt. Bei „Mr. Gaga“ sollte ich mit einem richtigen Kameramann arbeiten. Und ich nahm mir sehr viel Zeit, um ihm zu beschreiben, wie ich diesen Film drehen wollte. Wenn ich der Kameramann bin, brauch ich mir das nicht selbst zu erklären. Ich mache es einfach selbst, halte die Kamera und suche einen Bereich für die Aufnahme. In diesem Fall war es ein sehr langer Prozess, meine Vision mit ihm zu teilen, ebenso wie meinen visuellen Stil, meine Bildsprache, die ich in „Mr. Gaga“ einbringen wollte. Normalerweise benötige ich für einen Film maximal zwei bis vier Jahre. Dieser hier kostete mich und meinen Bruder (den Produzenten des Films) ganze acht Jahre, was sehr viel für einen Filmschaffensprozess ist. Ich denke während der Produktion des Filmes, war es ebenfalls sehr neu für mich, Archive zu benutzen. Die Doku begleitet den Künstler vom Tag seiner Geburt, bis hin zu seinem 64. Lebensjahr. Er lebt noch, aber der Film endet, wenn er 64 ist. Und man wächst tatsächlich mit diesem Mann mit während des Filmes, von seiner Kindheit in Kibbuz Mizra, über seine Jugend, in der seine Freunde während des Krieges getötet wurden, bis zu seiner Zeit in New York. Für mich war es wichtig, die original Archiv-Aufnahmen zu finden, ich wollte nichts fälschen, nicht nur einfach darüber reden oder nur ein paar Bilder zu zeigen. Ich wollte den echten Moment 1974 mit Martha Graham in New York finden. Deshalb arbeitete ich sehr hart, um sie ausfindig zu machen. Das war also komplizierter und herausfordernder als das, was ich jemals gemacht habe.

Nun haben Sie zum ersten Mal mit einem Kameramann zusammengearbeitet. Wie bereiteten Sie sich selbst auf diese Produktion vor?

Ich bin froh, dass Sie das fragen. Zunächst sahen wir uns so gut wie jeden Film zum Thema „Tanz“ an, der in dne letzten 40 Jahren gedreht wurde. Das war sehr wichtig für mich. Es wurden schon viele Filme über Martha Graham, Pina und andere große Namen gedreht, aber ebenso über kleinere Gruppen. Wir haben also zusammen gesessen und monatelang viele, viele Filme dieser Art gesehen. Und am Ende dieser Aktion kann ich mich noch an das Gespräch mit dem Kameramann erinnern, der mich fragte „Ok, was soll ich jetzt von diesen rund 50 Filmen mitnehmen, was wolltest du mir damit zeigen?“ Ich antwortete darauf „Ganz einfach, ich will, dass Du von alledem, was wir sahen, nichts dergleichen tust. Vergiss also alles, was du gesehen hast, kläre deinen Geist. Ich bin mir zwar nicht sicher, was ich tun möchte. Aber ich weiß definitiv, was ich nicht machen möchte. Ich will etwas anderes tun. Er versperrte sich zwar davor, aber mich interessierte nicht, was man nicht tun konnte, sondern eher, was möglich war. Also sagte ich ihm, lass uns morgen früh im Batsheva Studio treffen, nachdem wir sehr viel Zeit brauchten Ohad Naharin zu überzeugen. Wir trafen uns also neun Uhr morgens im Studio und begannen zu drehen. Wir drehten fünf Tage am Stück, ohne auch nur ein einziges Wort zu wechseln , ich sagte ihm nur, er solle nach seinem Instinkt drehen. Ich wollte ihm in keinem Augenblick sagen, was er zu tun hat. Nach diesen fünf Tagen, ging ich in den Schneideraum und schaute mir mehr als 50 Stunden Filmmaterial an, von den bisherigen Szenen, die wir hatten. Ich sagte zum Kameramann, dass er einen Kopfschmerz in mir auslöse und ich nun ins Krankenhaus müsse, weil ich keinen klaren Gedanken mehr fassen könne. Warum jagst du mit deiner Kamera dem Drama hinterher? Suche einfach einen guten Bildausschnitt und lass das außen liegende Drama in diesen Ausschnitt hinein springen. Und das war dann die zündende Idee für den visuellen Stil von „Mr. Gaga“.

Können Sie den Prozess beschreiben, wie man ein Skript für eine Dokumentation kreiert, anhand des speziellen Falles von „Mr. Gaga“?

Diese Frage ist recht einfach zu beantworten. Es gab keins. Wir hatten kein Drehbuch für diesen Film. Ich begann mit dem Dreh und folgte einfach dem Prozess. Ich ging nach Spanien, Schweden, Deutschland und Japan und entdeckte immer mehr der Kreation. Das erste und einzige Mal, dass ich ein Skript für „Mr. Gaga“ schrieb, war sieben Jahre später im Schneideraum. Hier sagte ich „Ok, ich habe hier jetzt mehr als tausend Stunden Film und ich muss daraus eine bedeutende Handlung für di eMenschen erstellen, die möglicherweise noch nie eine Tanzvorführung sahen oder je von Ohad Naharin oder Batsheva gehört haben. Und das war der einzige Zeitpunkt, an dem ich damit begann, über eine Narration nachzudenken und diese zu erstellen. Aber durch den acht Jahre währenden Produktionsprozess war ich bereits völlig intuitiv im Umgang mit dem Thema und was mich verwunderte, war, dass es mir leicht fiel.

Wie sieht es mit der Zukunft aus? Planen Sie bereits Ihr nächstes Projekt?

Yeah, ich habe dieses eine Projekt, dass ich kurz nach „Mr. Gaga“ fertig stellen konnte. Ich stellte den neuen Film auf der letzten Berlinale vor: „Who’s Gonna Love Me Now“. Darin geht es um eine Person mit HIV. Der Film erhielt den Publikumspreis in der Panorama Sektion. Das ist also das Projekt, das ich nächstes Jahr nach Deutschland bringen möchte.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Bildquellen:

  • Mr Gaga: © Gadi Dagon

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