Wenn Álex de la Iglesia („The Oxford Murders“, „El Día De La Bestia“) ein fremdes Drehbuch so gut gefällt, dass er den Film mitproduziert, dann will das schon etwas heißen. Im Falle von Sofía Cuencas und Juanfer Andrés‘ beklemmenden Thriller „Shrew’s Nest“ steuerte er sogar einige seiner Stammschauspieler bei, um die Haupt- und Nebencharaktere des Kammerspiels zu besetzen. Macarena Gómez spielt die unter Agoraphobie leidende Montse, die mit ihrer jüngeren Schwester ihr Familien-Apartment in Madrid bewohnt.

Montse hat aufgrund ihrer Angststörung vor weiten Plätzen diese Wohnung seit ihrer Kindheit nicht mehr verlassen, weshalb ihre Schwester ihre einzige Verbindung zur Außenwelt ist. Sie nennt sie immer nur „die Kleine“ (La Niña), obwohl sie bereits mit 18 Jahren ihre Volljährigkeit erreicht hat. Seit sie ihr Vater (Luis Tosar) verließ musste sie sie allein aufziehen.

Bald wird Niña (Nadia de Santiago) allerdings flügge werden, einen Mann treffen und ihre Schwester für immer verlassen. Das zumindest ist die Angst der von Wut-Attacken heimgesuchten Montse.  Keifend bestraft sie das Mädchen und attackiert sie dermaßen brutal, dass Niña in ihr Panik-Zimmer flieht und die Tür mit einem Vorhängeschloss sichert.

Am nächsten Tag ist wieder alles normal, Montse bereut die Tat und versucht alles, um die Schwester wieder an sich zu binden, was umso schwieriger wird als eines Tages der Nachbar Carlos bewusstlos vor ihrer Tür liegt. Die Blu-ray zu „Shrew’s Nest“ ist bereits im Handel erhältlich.Was die beiden Regisseure Juanfer Andrés & Esteban Roel über das Projekt zu erzählen haben, lesen Sie hier:

Ist es das erste Mal dass Sie als Regisseure zusammenarbeiten? Oder kennen Sie sich bereits von früheren Projekten?

Nein, wir haben tatsächlich schon bei drei Kurzfilmen gemeinsam Regie geführt: “036”, “It’s a Good Kid” und “The Aquirana’s Surprise”. Davon abgesehen haben wir auch schon als Lehrer an der selben Filmschule miteinander gearbeitet. In dieser Schule haben wir mehrere gemeinsame Projekte gemacht.

Woher kam die Inspiration für einen Agoraphobie-Thriller?

Wir wollten eine Geschichte erzählen, die auf einen Ort allein beschränkt ist. Es war eine Herausforderung für uns: uns einzuschränken, erzählerische Regeln in unsere Geschichte einzubauen … Besonders da “Shrew’s Nest” eine Low Budget Produktion ist. Als wir die Geschichte geschrieben haben, waren wir von Theaterstücken inspiriert. Im Theater haben wir mehrfach Geschichten gesehen, die auf einen Ort beschränkt waren. Ich betrachte das nicht als eine komplizierte Erzählstruktur. Dennoch war es verzwickt, Montses Rolle aufzubauen: Die Geschehnisse anzuordnen, ihre psychologische und emotionale Entwicklung zu konstruieren…

Macarena Gómez ist absolut brillant in ihrer Rolle als Montse. Wie wurde sie denn für die Hauptrolle verpflichtet?

Es war die Idee von Alex de la Iglesia. Er hatte mit ihr in “Witching & Bitching” gearbeitet und empfahl sie uns wärmstens für die Rolle der Montse. Es war ein riskanter Vorschlag: Macarena ist in Spanien ein Star, aber sie ist tatsächlich für ihre Comedy-Rollen bekannt. Alex kann Drama-Schauspieler sehen wo alle anderen Comedy-Schauspieler sehen und umgekehrt. Wir hatten ein Treffen mit ihr, und Macarena begann über Montse zu reden, als wäre die Rolle ein Teil von ihr. Ich brauchte nur zwei Minuten um zu merken dass sie perfekt für die Rolle ist. Wir sind mehr als dankbar für die Zusammenarbeit mit ihr. Es war eine riesige Entdeckung.

Montse is das Schlüsselelement des Films. Welche Rolle spielt der Katholizismus in ihrem Leben?

Ob zum Guten oder zum Schlechten, der Katholizismus hat einen gewaltigen kulturellen Einfluss auf Spanien. Einerseits basiert er auf Liebe und Respekt, also einer großartigen und positiven Botschaft. Aber andererseits kann er missverstanden werden und bei manchen Menschen Verhaltensstörungen verursachen. Montse fehlt es an kultureller und emotionaler Erziehung. Ihre religiöse Erziehung ist geprägt von Härte, Grausamkeit und Zwang, was sehr üblich war in Spanien unter Franco. Sie kennt beide Botschaften, die positive und die negative – aber sie hat keine Ahnung, wie sie sie zusammensetzen soll. Religion ist Montses geistiges Chaos.

Welche Bedeutung hat ihre Schwester für Montses Leben?

Montse ist buchstäblich abhängig von La Niña. Ihre Schwester ist ihre Brücke zwischen ihrer Welt und der wirklichen Welt, aber sie ist auch ihre emotionale Stütze. Der einzige Grund warum Montse nicht komplett wahnsinnig ist, ist weil sie La Niña großziehen muss. Montse fängt an den Verstand zu verlieren, als ihre Schwester zunehmend unabhängig wird.

Warum sieht sie ihren Vater (Luis Tosar)? Er wirkt wie das personifizierte Gesetz ihrer Welt.

Genau. Der “echte” Vater ist der, den wir in den Flashbacks sehen, aber der Vater, mit dem Montse spricht, existiert nicht, nur in Montses Kopf. Er repräsentiert die rücksichtslose, subversive und rebellische Version von ihr. Wir wollten das durch Luis Tosar repräsentieren, denn es war Montses Vater der ihr dieses Verhalten übertragen hat. Für uns ist es eine obskure und böse Verson von Jiminy Cricket in Pinocchio.

Warum ist die Geschichte in den 50er Jahren angesiedelt? Es ist trotz allem eine zeitlose Geschichte, die sowohl in der Gegenwart, der Zukunft oder jedem anderen Jahrhundert spielen könnte? (Vielleicht gibt es heute bessere Therapiemöglichkeiten für Agoraphobie.)

Sofia und ich haben Montses Rolle auf den Frauen nach dem Bürgerkrieg aufgebaut, weil sie viele Parallelen mit den Frauen dieser Zeit teilt: Eine Frau unter einem sozialen und kulturellen Patriarchat, mit einem extremen Sinn für Religion. Es wirkte natürlich, den Film in den 50ern spielen zu lassen, weil es im Kern der Rolle lag. Wir merkten sofort, dass alles so besser funktionierte, und sehr interessanter Subtext begann sich zu entfalten. Montse war eine perfekte Metapher für das Spanien dieser Zeit: isoliert vom Rest der Welt, besessen von Religion, mit einer traumatischen Vergangenheit. Im heutigen Spanien könnte jede dieser psychischen Störungen behandelt werden. In den 50ern wäre sie mit einer Lobotomie behandelt worden und das Problem wäre als gelöst betrachtet.

Kennen Sie den koreanischen Film „Oldboy“(2003)? Die ersten 15 Minuten bestehen aus dem Szenario eines Gefagenen, der seit 15 Jahren in einer Zelle lebt. Danach verlässt er das “Gefängnis”, hat aber Schwierigkeiten sich zu resozialisieren. Wie denken Sie dass Montse reagieren würde wenn sie nach all diesen Jahren das Gebäude verlassen würde?

Wir beide lieben Park Chan-Wooks Filme, und besonders “Oldboy”. Wir trafen ihn beim Guanajuato Film Festival in Mexico. Er sah unseren Kurzfilm “036” und hat ihn geliebt, das war eine enorme Ehre für uns.

Montses Reaktion wird extrem schockierend sein, aber irgendwie ist Montse eine neugierige Frau. Einerseits erleben wir sie als schockiert, aber auch froh Dinge zu entdecken und sich zu fragen wie die Welt funktioniert. Andererseits aber würde sie einige soziale Probleme haben. Zum Glück könnte sie sich im Lauf der Jahre anpassen.

In diesem Film gibt es kein „Monster“. Montse hat Angst vor der Welt da draußen. Und ihre Schwester und ihr Nachbar haben Angst vor Montses Angst, Wut und Eifersucht. Was genau ist der Horror-Aspekt von „Shrew’s Nest“?

Nun, es gibt tatsächlich ein Monster: Montse und ein “Mädchen”, Carlos. Wir wollten die Archetypen von Horrorfilmen dekonstruieren. Montse ist ein gutes Monster, eines das man verstehen kann, vor dem man keine Angst hat und sogar ein Monster mit dem man sympathisieren könnte. Wir waren inspiriert von James Whale’s “Frankenstein”, von der Szene mit dem See und dem Mädchen. Wir haben uns als Referenz aber auch am Archetyp von Frauen in Horrorfilmen bedient: attraktiv, passiv insofern dass sie von einer anderen Rolle gerettet werden müssen, ängstlich… Und wir wollten diese Rolle durch Carlos repäsentieren. Wir wollten die kulturell existierende Unterdrückung von Frauen aufdecken, es wäre also sinnlos gewesen die klassischen Rollen zu wiederholen.

Zuerst scheint Montse ihren Nachbar zu mögen, aber dann fängt die Beziehung an, „Misery“ zu ähneln. Was macht Montse zu einer realen Bedrohung für ihren Nachbarn?

Wie wir bereits erwähnt haben, hat Montse eine dürftige emotionale Erziehung gehabt, deshalb weiß sie nicht, mit ihren Gefühlen umzugehen. Sie verliebt sich sofort in Carlos, einfach weil er der einzige Mann ist, mit dem sie, neben ihrem Vater, redet. Carlos ist ein attraktiver und liebenswürdiger Mann, ganz das Gegenteil ihres Vaters, also verliebt Monte sich innig und zwanghaft in ihn. Montse weiß dass sie Carlos wegen ihrer Agoraphobie nie wieder sieht, wenn er gesund wird. Ihr Selbstbewusstsein ist so schlecht dass ihr nie der Gedanke kommt, dass er sie wieder besuchen könnte. Also erarbeitet sie einen Plan um ihn dazu zu bringen, in ihrer Wohnung zu bleiben.

Was kommt nun? Können Sie uns etwas über Ihr nächstes Projekt erzählen?

Wir arbeiten an unserem nächsten Film, und diesmal werden wir aus der Wohnung rauskommen! (lacht). Wir entwickeln das Drehbuch mit unseren Produzenten: Alex de la Iglesia, Carolina Bang und Kiko Martinez. Wir können noch nicht viel verraten, aber wir werden ein Tribut an eines unserer liebsten Subgenre zollen: “Horror Western”. Wir versuchen, die Genre zu vermischen, wir machen also eher einen Thriller als einen Horror Film.

Vielen herzlichen Dank!

Bildquellen:

  • Directores Juanfer Andrés, Esteban Roel: Filmfactory, OFDb Filmworks

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