Unsere heutige Regisseurin des Monats ist noch relativ unbekannt, hat aber mit dem aktuellen Horror-Streifen „Der Babadook“ einen herausragenden, modernen Klassiker des Genres geschaffen. Der Film handelt von einer nach dem Tod ihres Mannes psychisch angegriffenen Mutter, die keinen Zugang mehr zu ihrem Sohn findet. Einzig das Vorlesen von Monstergeschichten kurz vor dem Schlafengehen scheint ein Ritual zu sein, das eine Brücke zwischen den beiden schlägt. Nachdem Amelia dem kleinen Samuel die Geschichte des Babadook vorgelesen hat, scheint sich dieser zunehmend in dem Leben der Beiden zu manifestieren und sorgt bei beiden für Angst und Schrecken. Doch was steckt wirklich hinter dieser HorrorKreatur mit dem merkwürdigen Namen? Eine Skype-Session mit der australischen Regisseurin Jennifer Kent bringt Licht ins Dunkel.

Hatten Sie als Kind Angst vor den Monstern aus den Märchen?

Ich denke, dass ich Angst hatte. Aber die Angst war ungefähr genauso groß wie die Faszination dafür. Ich war zwar eingeschüchtert, aber ich liebte diese Form des Gruselns. Daher las ich unheimliche Geschichten, konnte dadurch aber auch nicht einschlafen. Trotzdem machte ich es immer wieder. (lacht)

Wie wurden Sie zu einer Regisseurin?

Ich schrieb, schauspielerte und führte Regie, seit ich zurück denken kann. Daher war es einfach eine natürliche Sache, dies auch beruflich zu machen. Als ich die Schule abschloss und irgendwas aus meinem Leben machen musste studierte ich Schauspielerei am National Institute in Australien, das ist so etwas wie die nationale Schauspielschule. Und als ich damit fertig war und schauspielerte, war ich irgendwie unzufrieden mit dieser Tätigkeit. Ich mochte es nicht, nach fremden Dialogzeilen zu schauspielern, zu warten und Dinge als Schauspieler zu machen, die Sie nicht glauben würden. Deshalb entschied ich mich zu schreiben und Regie zu führen. Und es macht Spaß. Man muss nicht unbedingt schnell sein. An meinen eigenen Scripts schrieb ich die letzten zehn Jahre. Das ist das erste Script, was zu einem Film wurde. Ich bin wirklich froh, dass ich konsequent dabei geblieben bin, denn ich habe wirklich das Gefühl, das ist es, was ich schon immer machen wollte. Und nicht das Schauspielern.

2005 drehten Sie einen Kurzfilm namens „Monster“. Wie kam es dazu, dass daraus der Kinofilm „Der Babadook“ wurde?

Ehrlich gesagt war es nicht meine Intention, das zu tun. Ich machte den Kurzfilm und vergaß ihn dann. Ich meine, der Kurzfilm wurde sehr gut aufgenommen und ich ging mit ihm auf Reisen. Aber dann arbeitete ich an anderen Filmen und vergaß ihn einfach. Irgendwann kam ich dann wieder zu dem Gedanken zurück, sich der Dunkelheit zu stellen und ich hatte das Gefühl, dass der Film noch unfertig war und das arbeitete in meinem Unterbewusstsein weiter. Irgendwann kam mir die Idee und ich schrieb sie nieder und dachte gleichzeitig „Ich denke, da steckt ein Feature-Film drin.“ Und so entwickelte sich diese Idee. Der Fokus dabei lag auf der Frau, Amelia und ihrer Geschichte. Es war also nicht so, dass ich von Anfang an einen Horror-Film daraus machen wollte.

Zählen Sie den Film eher zum Horror- oder zum Psychothriller-Genre? Bzw. ist der Babadook ein echtes Monster oder existiert er „nur“ in Samuels und Amelias Kopf?

Ich würde beide Deutungsweisen bejahen. Sie sind beide möglich. Ich denke, die psychologische Realität ist genauso wichtig wie die physische Realität. Für sie ist das Monster in jedem Fall echt. Für mich ist es ebenfalls real. Aber der Film funktioniert auf beiden Ebenen. Während der eine den Film als übernatürliche Story sieht, kann ihn der andere als psychologische Geschichte sehen.

Gab es für die Mutter-Kind-Beziehung eine Inspiration im wahren Leben?

Ich kannte eine Frau, die Schwierigkeiten damit hatte, ihren Sohn zu lieben. Und ich fand diese Geschichte sehr herzergreifend für sie und ihren Sohn. Also hatte ich diese Erfahrung, aber ich wollte eigentlich keinen Film über die Mutterschaft drehen. Es bewegte sich eher auf einer mythologischen Ebene. Mein Gedanke war, wenn man sich mit Selbstzweifeln herumschlägt und sich immer wieder sagt, dass sie nicht da sind, während man sich nie sicher sein kann, möchte man niemanden um sich haben. Daher musste ich sie in eine Beziehung zu jemanden setzen. Und da war es nur logisch, dass dies ihr Sohn sein würde. Das ist der Grund, weshalb das Kind auf diese Weise in der Handlung vorkommt.

Wenn irgendwer auf die Idee käme und fragte, ob ich eine schreckliche Mutter hatte, antworte ich: Nein, ich kann meine Mutter nicht für diesen Film zur Verantwortung ziehen. Sie ist einfach entzückend. (lacht) Das ist so meine übliche Reaktion.

Was ist der Hauptgrund für Amelias psychische Metamorphose?

Meine Meinung könnte sich von denen anderer Leute unterscheiden. Aber für mich ist der Hauptgrund, dass sie schreckliches erlebt hat und sie nicht weiß, wie sie das verarbeiten kann. Sie kommt damit auf jedem Level nicht klar. Sie entscheidet sich dafür, nicht damit fertig zu werden. Und da beginnen die Probleme. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es sich anfühlt, seinen Ehemann auf solch eine schreckliche Weise zu verlieren. Aber ich kann durchaus verstehen, wenn jemand nicht Trauern möchte. Aber ich denke, es ist wichtig zu trauern. Ich denke, wenn man diesen Verlust nicht spürt, hat das schwierige Folgen für den betroffenen Menschen.

Was inspirierte Sie zum Namen des Babadook?

Ich wollte etwas, das kein echter Name war, in jedweder Hinsicht. Es sollte also an kein bekanntes Monster erinnern oder an irgendwas. Es sollte einzigartig sein. Als mir der „Babadook“ in den Sinn kam, fühlte sich das richtig an. Der Gedanke entstand, als ich das Buch schrieb und alles reimte sich: -Dook and Book and Look – und so blieb es hängen.

Und wie kreierten Sie seine unheimliche Stimme?

(lacht) Das war wirklich schwierig. Wir verwendeten Stimmen und veränderten sie. Ich wusste wie es klingen sollte. Wir waren da sehr kreativ und es hat Spaß gemacht. Weil es ein Wort ist, das einfach nur verrückt ist. „Babadook!“ In diesem Sinne wirkt es auch verstörend. Ich kann Ihnen jetzt aber nicht genau sagen, wie wir das gemacht haben.

Es sieht nicht so aus, als hätten Sie CGI-Effekte eingesetzt. Wie haben Sie diese sehr coolen Spezialeffekte mit dem Babadook hinbekommen?

Ich denke, einige Leute haben mich für verrückt erklärt, als ich sagte, wirklich alles mit der Kamera zu machen. „Wirklich? Alles mit der Kamera???“ fragte die Crew. Ich wollte sie damit aber nicht einfach nur schockieren. Ich finde, es gibt eine gewisse Ästhetik, die man nur in alten Horrorfilmen findet, wie z. B. in „Nosferatu“ und Jean Epsteins „The Fall Of The House Usher“, was zum Teil Stummfilm, zum Teil Tonfilm ist. Die Murnau-Filme haben eine traumartige Qualität, die durch die Kamera-Effekte entstehen und sehr physisch und greifbar wirken. Es fühlt sich handgemacht an. Und ich denke es beeinfluss den Zuschauer auf verschiedene Weise. Ich habe schon sehr viele Filme gesehen und kein CGI-Effekt hatte eine solch finstere Wirkung auf mich, wie es die „In-Camera-Effekte“ hatten.

Warum hat Samuel solch brutale Fantasien wie „Ich zerschmettere seinen Kopf!“? Und wie haben Sie Anweisungen an Noah Wiseman gegeben?

Das ist eine gute Frage. Ich muss dazu sagen, dass er nicht negativ beeinträchtigt wurde durch die Dreharbeiten. Wir schützten ihn. Seine Mutter und ein Kinderpsychologe überwachten alles und wir achteten sehr genau darauf, dass es ihm gut ging und er hatte ein erwachsenes Double, dass die angsteinflößenden Szenen übernahm. Aber was die Rolle von Sam angeht, so fühlte er die Emotionen seiner Mutter und spiegelte sie wider. Sie ist wie eine Schlafwandlerin. Sie weiß nicht, was als nächstes kommt und er weiß es. Das ist der Grund, weshalb seine Fantasie so impulsiv ist. Er fühlt, dass das Monster kommt, weil es im gewissen Sinne bereits da ist. Und das ist angsteinflößend, weshalb er auf diese brutalen Ideen kommt, weil die Bedrohung echt ist. Es ist sehr schwer für einen Sechsjährigen solche Emotionen zu spielen. Also musste ich alles mit ihm mitfühlen. Wenn er also wütend werden sollte, musste ich ebenfalls wütend werden. Wir sprachen darüber. Ich sagte ihm „Sams Mutter glaubt ihm nicht und spricht nicht darüber“. Und er sagte „Ja, das ist schrecklich!“ Es gibt da eine Szene, in der er sagt „Sie will nicht, dass ich eine Geburtstagsparty habe und sie will nicht, dass ich bei Dad bin!“ und er schlägt die Tür zu. Da wurde ich wirklich wütend mit ihm. Und ich sagte zu ihm „Schau dir an, wie wütend wir sind!“ Und er sagte „Jaaa!“ „Und genauso wütend ist Sam“ – es war einfach nur die natürliche Reaktion und die Szene war beim ersten Versuch im Kasten. Das machte ihn sehr stolz.

Gibt es eine Botschaft für Eltern in diesem Film?

Ich glaube, da gibt es so einige. Hör deinen Kindern zu. Hör dir an, was sie zu sagen haben. Sieh nicht auf sie herab nur weil sie jung und klein sind. Ich finde Sam ist der wahre Held des Films. Er weiß, was ihnen droht. Er ist sehr smart. Amilia sollte besser auf ihn hören.

Was steht bei Ihnen als nächstes an?

Ich plane eine Rache-Tragödie, die in Tasmanien spielt um 1820. Es ist eine sehr düstere Geschichte. Es ist zwar kein Horror-Film, hat aber eine sehr gruselige Atmosphäre. Und es geht um Rache, Sie wissen ja, was in der Welt passiert und wir werden immer mehr zu Menschen, die dem Auge-um-Auge-Prinzip folgen. Und ich will das aus einer weiblichen Perspektive erkunden. Ich schreibe auch noch an einem anderen Film und habe momentan genug zu tun.

Vielen Dank für das Gespräch!

Bildquellen:

  • Jennifer Kent: Capelight