Der neue Actionfilm „Hardcore“ (ab 14.04. im Kino) macht genau das, was Filme wie „Strange Days“ und „Doom“ nur in kleinen Teilen angedeutet haben. Er versetzt den Zuschauer ganze 96 Minuten lang in die Ego-Perspektive des Cyborg-Helden Henry und schickt quasi ihn selbst in eine außergewöhnliche, abgefahrene und schwindelerregende Action-Erfahrung, die es so noch nie gegeben hat. Was dort abgeht, ist einfach unglaublich. Und das, obwohl Henry einfach nur seine hübsche Ehefrau vor einem telekinetisch begabten Waffenhändler retten will. Wir sprachen mit dem Newcomer-Regisseur Ilya Naishuller, dessen Debut-Film ein einziger, wahnsinnig unterhaltsamer 3D-Adrenalin-Rausch ist.

Zunächst einmal muss ich mich für Deinen exzellenten Action-Film „Hardcore“ bedanken, der für mich die eindrucksvollste 3D-Erfahrung seit langem war … und er ist noch nicht einmal in stereoskopischem 3D.

(Lacht). Schön, dass er Dir gefallen hat.

Warum hast Du den Film nicht in stereoskopischem 3D gemacht?

Ganz einfach, weil ich kein großer Fan von 3D bin. Ich mag es, wenn es in Animationsfilmen verwendet wird und ganz selten auch, wenn eine Realverfilmung in 3D gedreht wurde. Ansonsten macht es für mich keinen Sinn.

Wie bist Du eigentlich auf die Idee gekommen einen Film aus der Ego-Perspektive zu drehen?

Ich hatte 2011 und 2013 ein paar Musikvideos aus der Ego-Perspektive gedreht. Und als das zweite erschien, „Bad Motherfucker“, rief mich Timur Bekmambetov an und bot mir an, eine Version in Spielfilm-Länge zu produzieren. Ich hatte zunächst Zweifel, da ich nicht glaubte, dass das Konzept für 90 Minuten funktionieren könnte. Darauf antwortete er mir mit einer sehr wichtigen Frage: „Würdest Du nicht einen großartigen 3D-Action-Film im Kino sehen wollen?“ Und natürlich würde ich das. Und dann realisierte ich, dass dies die einzigartige Chance war, etwas zu machen, was noch nie zuvor gemacht wurde. Und ich wäre ein Trottel, wenn ich diese nicht ergreifen würde.

Ich denke, dass die Ego-Perspektive in vielerlei Hinsicht effektiver sein kann, als stereoskopisches 3D. Wie, glaubst Du, wird sich die Entertainment-Welt mit den neuen Virtual Reality-Systemen wie der Playstation VR und Oculus Rift verändern?

Ich kann natürlich nicht die Zukunft vorhersagen. Das liegt nicht in meinen Fähigkeiten. Aber das Ding ist, ich glaube, die Filmwelt bzw. das Kino wird sich dadurch erst einmal nicht so stark verändern. Das wird eine neue Entertainment-Sparte im Heim-Sektor werden. Ich denke das 2D-Kino wird auch weiterhin lange weiter existieren. Du setzt dir das Oculus Rift auf und gehst nicht ins Kino und hast kein Filmerlebnis mit anderen – vielleicht wirst du ein „Multiplayer-Filmerlebnis“ mit deinen Freunden teilen. Aber ich denke, die beiden Technologien werden koexistieren. Und in hundert Jahren wird sowieso alles ganz anders sein. Aber das Kino existiert schon sehr lange. Das wird nicht so schnell verschwinden. Und ich denke, mit einem Haufen fremder Menschen in einen dunklen Raum zu gehen und zusammen emotional von einem Video-Feed beeinflusst zu werden – dieses Erlebnis wird noch lange existieren.

Nun hast Du den Begriff „Multiplayer-Filmerlebnis“ genannt. Als ich „Hardcore“ sah, stellte ich mir vor, wie cool es wäre, wenn ich den Film noch einmal aus Jimmys Perspektive sehen könnte.

Was da passieren würde, wäre … Ich finde es zwar gut, dass du den Charakter magst, aber, wenn wir den Film aus Jimmys Perspektive sehen würden, dann würde der Charakter vermutlich nicht so viel Spaß machen. Natürlich könnten wir Jimmy nehmen, ihn Henry taufen und das Geschehen aus seiner Perspektive zeigen. Dadurch würden wir dem Publikum aber den emotionalen Hauptdarsteller nehmen. Daher ist Sharlto auch in diesem Film im Prinzip der Hauptcharakter – da wir jemanden brauchen, der zum Publikum spricht und dessen Darstellung auch wahrgenommen wird. Dadurch wird er zum Herzen und zur Seele des ganzen Filmes. Es war also eine sehr bewusste Entscheidung.

Wer spielt eigentlich die Hauptrolle des Henry? War es nur ein Kameramann oder teilten sich mehrere Stuntmen die Rolle?

Zwei Leute drehten ungefähr drei Viertel des Filmes, Sergey (Nosulenko) und Andrei (Dementiev). Und Andrei ist der gleiche Darsteller, der auch „Slick Dimitri“ im Film spielt, den Typen, den wir jagen. Ich filmte ein paar Dialog- und ein paar Action-Szenen. Und dann gab es da noch neun bis zehn Leute, die in bestimmten Bereichen spezialisiert waren. Der eine ließ sich zum Beispiel anzünden, der andere ließ sich aus dem Helikopter fallen oder es gab auch jemanden für die Szene mit dem Pferd. Da haben also einige Leute Henry gespielt.

Warum hast Du Dich dafür entschieden, Henry nicht sprechen zu lassen?

Weil, es gab da ein Filmexperiment im Jahr 1947 namens „Die Dame im See“. Es war der erste Film, der eine Ego-Perspektive zeigte. Und es war eine Kriminal-Geschichte. Natürlich musste der Hauptcharakter also sprechen. Und das funktionierte in meinen Augen nicht, sobald der Charakter anfing zu sprechen. Mir persönlich gefällt das Konzept der Immersion, des Hineinziehens des Zuschauers in die Handlung. Daher war die Idee hinter Henrys Schweigen, es zu vermeiden, dass er Dinge sagt, die der Zuschauer nicht sagen würde. So sollen die Leute direkt in Henry projiziert werden bzw. … das Publikum soll Henry sein.

Es gibt einige Referenzen an Shooter-Spiele im Film. Welche Videospiele inspirierten Dich dazu und gibt es Referenzen zu anderen Videospiel-Genres als Ego-Shooter?

Neben Filme anschauen, spiele ich schon mein ganzes Leben lang Videospiele. Es gibt vielleicht sechs oder sieben Referenzen, die ich bewusst eingestreut habe. Aber ich glaube, es gibt weitaus mehr, die vielleicht den Zuschauern auffallen, ohne dass ich je daran gedacht habe. Manchmal liegen die Leute richtig, manchmal nennen sie aber auch Videospiele, die ich nicht kenne. Eine bewusste Referenz war „Left 4 Dead“, der Multiplayer-Zombie-Shooter. Es gibt eine Szene mit einer sehr „Goldeneye“-artigen Atmosphäre (der Kult-Shooter aus N64-Tagen, gemeint ist vermutlich die Sequenz im Zug, Anm. d. Red.). Ein bisschen „Call Of Duty: Modern Warfare“ ist ebenfalls enthalten, wenn Sniper-Jimmy in den hinteren Teil des Gebäudes geht. Es gibt also einige Szenen – aber der Film ging immer vor. Ich wollte keinen Film konstruieren, der demonstrativ zeigt, dass auch ich Videospiele spiele. Ich wollte hier also nicht zu referentiell sein. Videospielfans werden die Szenen erkennen, weshalb es nicht nötig ist, immer wieder mit dem Vorschlaghammer darauf hinzuweisen.

Ich erinnere mich noch an eine der letzten Szenen, wo ich unweigerlich an Super Mario denken musste – die Art wie Henry springt …

Ja, ganz genau!

Das ist einfach superwitzig!

(lacht) Du bist der erste, der das sagt. Ich bin froh, dass es dir auffiel. Als ich die Szene drehte, sagte ich: Das ist ein 2D-Platformer, das ist Super Mario.

Du hast vorher auch Musik-Videos gemacht. Wie wichtig ist Musik für Deine Feature-Filme?

Es ist unglaublich wichtig. Weil Musik dabei hilft, die Stimmung festzulegen. Das gilt für den Score, der die Gefühle trägt, genauso wie für die ausgewählten Songs, die die Atmosphäre bestimmen. Wenn man sich den Soundtrack anhört, bekommt man ein Gefühl dafür, welche Emotionen der Regisseur bei dem Publikum erzeugen will. In unserem Fall nimmt sich der Film nicht allzu ernst, weshalb der Soundtrack ein wenig „Over The Top“ und etwas verrückt ist. Nach dem Motto: Wir wissen, wer wir sind, daher lasst uns eine tolle Zeit haben. Ich bin sehr froh, alle Songs bekommen zu haben, die ich für den Film wollte.

Lass uns ein wenig über den Charakter Jimmy sprechen. Ich finde, er wirkt so ähnlich wie Peter Sellers in Stanley Kubricks „Dr. Seltsam“. Wie hast Du diesen Charakter kreiert und wie konntest Du Sharlto Copley für die Rolle gewinnen?

Vielen Dank! Übrigens ist „Dr. Seltsam“ mein Lieblings-Kubrick-Film. Und ich mochte schon immer Filmklassiker, in denen der Hauptdarsteller mehrere Rollen spielte. Sharlto für die Rolle des Jimmy zu bekommen war nicht so kompliziert wie ich es mir anfänglich vorstellte. Es lief so ab: Ich schrieb das Drehbuch – Es gab nur einen Jimmy und nicht diesen multiplen Charakter. Ich präsentierte ihn Timur und er schlug Sharlto Copley für die Rolle vor. Unsere erste Begegnung war via Skype und ich sagte zu Sharlto, es wird ein Actionfilm aus der Egoperspektive, wir drehen in Russland. Ich habe noch nie zuvor einen Kinofilm gedreht. Das Skript ist auch noch nicht fertig. Aber ich möchte, dass Du den Hauptpart spielst. Ich dachte er wäre ängstlich, dass sich der unfertige Charakter nicht richtig für ihn anfühlte. Aber Sharlto sagte: „Das schüchtert mich nicht ein. Zeig mir, was Du hast.“ Zu dem Zeitpunkt hatten wir noch zwei Monate, bevor der Dreh begann. Wir mussten wegen der Wetterbedingungen anfangen. Daher hatte ich nur eine Woche, um einen Charakter zu entwickeln, zu dem er nicht „Nein“ sagen könnte. Da realisierte ich, dass er möglicherweise nicht „Nein“ sagen würde, wenn er zehn verschiedene Rollen spielen könnte. Ich zeigte es ihm und wir fingen an, über die verschiedenen Rollen zu sprechen. Wir diskutierten viel, das ging hin und her, wir strichen Dinge raus, entwickelten neue, veränderten etwas – Es war also eine sehr zweiseitige Kollaboration. Ich denke 80 Prozent von Jimmy stammen von Sharlto, das war eine sehr intensive Zusammenarbeit. Wir improvisierten auch viel am Set und gingen nicht immer strikt nach Skript vor. Der ganze Film war ein sehr dynamischer Prozess.

Und es funktioniert richtig gut!

Wie konntest Du Tim Roth für die kleine Rolle das Vaters von Henry gewinnen?

Ich traf Tim Roth einige Wochen vorher. Ich schrieb an einem Film, in dem er mitspielen sollte, einen Spionage-Thriller. Ich war beim zweiten Entwurf, als das „Bad Motherfucker“-Musik-Video herauskam. Ich sagte zu ihm, dass ich dieses Projekt zuerst machen wollte, das sollte nicht länger als zwei Jahre dauern. Da schlug mir Tim Roth vor „Wenn Du mich irgendwo kurz vorkommen lassen möchtest, sag einfach Bescheid.“ Ich erwiderte: „Natürlich will ich das, vielen Dank Mr. Roth.“ Ich schrieb das Skript und entwickelte zuerst die Mutter als Charakter. Aber das passte nicht ganz, ich wollte nicht noch einen weiblichen Charakter dort einfließen lassen. Deshalb dachte ich mir, ich versuche einfach mal Tim Roth anzurufen und ihn zu fragen, ob er Interesse an diesem Gastauftritt hätte. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass er akzeptierte. Und er machte einen richtig guten Job. Es ist wirklich angenehm mit ihm zu arbeiten. Er ist sehr professionell.

Du hast selber drei Cameo-Auftritte im Film. Wo können Dich die Zuschauer entdecken?

Ich spielte Timothy in der Anfangs-Szene im Labor. Den Typen, den der Bösewicht Akan sofort tötet. Dann spiele ich den weinenden Söldner, den Happy-Jimmy im Parkhaus foltert. Der dritte Auftritt wäre ein Spoiler, daher sollten wir das vielleicht nicht erwähnen.

Wenn Du einen Horror-Film machen würdest, wie würde sich dieser von den anderen unterscheiden?

Lass mich nachdenken, wenn ich einen Horror-Film machen würde, müsste es ein verdammt guter Horror-Film werden. Ich würde versuchen etwas zu machen, was sich ein wenig von dem unterscheidet, was wir aus dem Genre kennen. Ich weiß allerdings noch nicht, was dies wäre, darüber muss ich nachdenken. Ich hätte Lust etwas frisches zu machen. Richtig gute Horror-Filme sind aber wie auch jedes andere Genre eine ziemlich komplizierte Sache. Aber alles ist möglich.

Welche Art von Film würdest Du gerne als nächstes machen? Bzw. welchem Genre würdest Du Dich widmen?

Ich weiß noch nicht genau, was das nächste Projekt sein wird. Ich habe sehr großes Interesse daran, einen guten, smarten Spionage-Film zu drehen. Ich würde gerne eine Komödie machen. Aber ich denke es wäre eine Kombination, sozusagen eine Action-Komödie. Ich arbeite gerade an mehreren Skripten und es gibt einiges, was mir sehr gefällt, wobei ich noch schauen muss, welchem Projekt ich die nächsten drei Jahre meines Lebens widmen möchte. Ich bin mir also noch nicht ganz sicher, mit welchem Material ich beginnen werde.

Vielen Dank für das Interview!

 

Bildquellen:

  • Hardcore: © Capelight Pictures

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