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„Haie! Hier gibt es wirklich Haie!“

Im Gespräch mit Carl Gottlieb, dem Drehbuch-Autoren des Spielberg-Klassikers „Der weisse Hai“.

Herr Gottlieb, wie kamen Sie zu diesem Filmprojekt?

Es war damals 1973/ 1974. Steven (Spielberg, Anm. D. Red.) war noch ein Newcomer in Hollywood und wir hatten den gleichen Agenten, wodurch wir uns kennen lernten. Damals arbeitete ich bei einen paar TV-Filmen als Darsteller. Wir verstanden uns sehr gut und er zeigte mir ein Skript, das er für sein folgendes Projekt “Der weisse Hai” vorsah. Das brachte mich dazu die Roman-Vorlage zu lesen. Kurz darauf sandte er mir das vollständige Skript zu und fragte mich nach meiner Meinung. Daraufhin sand ich ihm eine lange Liste voller Anmerkungen zurück. Irgendwann kam er dann auf mich zu und fragte, ob ich nicht in seinem Film mitspielen wollte. Ich hätte schon einige Erfahrungen als Komödiant gesammelt, sodass ich ein bisschen Witz in die Sache einbringen könnte. Ich sagte zu, und schon hatte ich die Rolle als Meadows, der Publisher.

Wie wurden Sie zum Autoren des Screenplays?
Steven legte den Produzenten meine Memos vor, die mich daraufhin einluden. Es gab also ein Treffen mit Steven Spielberg, Dic Zanuck, David Brown und mir. Ich erklärte ihnen meinen Standpunkt, als es um die Frage ging, wie ein Autor das Skript verändern würde. Sie reagierten mit einem Angebot: “Wir engagieren Sie, damit Sie die Dialoge ein wenig aufpolieren können. Sie können in ein paar Tagen zusammen mit Steven aufbrechen, um zunächst nach Boston und dann zur Insel Martha’s Vineyard zu reisen, wo wir in drei Wochen mit dem Dreh beginnen.” Auch hier sagte ich zu, kündigte meinen Job bei einer TV-Comedy-Show und zog Richtung Boston.

War das Überarbeiten schwierig?
Als wir begannen wurde uns klar, dass es noch viel zu tun gab. Und wir mussten es schnell machen und durften auch nicht allzu viel verändern. Alles, was noch nicht fix war, konnte noch beeinflußt werden, die Settings und die Drehorte standen hingegen fest. Daher lag mir sehr daran das Skript schnell zu ändern. Sobald ich mit dem Umschreiben began, konnte ich nicht mehr aufhören, weil, wenn man Dinge verändert, müssen logischerweise auch die darauffolgenden Ereignisse angeglichen werden. So ein Filmskript ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Sobald irgendwer eine Filmsequenz anders als vorgesehen dreht, muss man sich an den kompletten Film erinnern und alles Nachkommende anpassen. Auf diese Weise wurde aus einem einfachen Aufpeppen der Dialoge eine Neufassung, die sich zu einer stärker überarbeiteten Neufassung entwickelte. Nach knapp drei Monaten am Filmset, konnte ich meine Arbeit beenden und fuhr wieder nach Hause. Steven blieb noch zwei weitere Monate auf dem Meer, um die Hai-Aufnahmen zu finalisieren. Es war ein weiter Weg vom Nebendarsteller zum Drehbuch-Autor, aber letzten Endes hatte ich das Skript dermaßen stark verändert, dass ich plötzlich der Drehbuch-Autor des Films war.

Sind Ihnen während des Drehs irgendwelche Zwischenfälle widerfahren?
Natürlich! In der ersten Version des Drehbuchs wurde der vermisste Fischer Ben Gardner bzw. sein Boot von den drei Figuren Hooper, Brody und Meadows gefunden. Während wir mitten im Meer filmten, fiel ich ins Wasser, sodass sie den Dreh stoppen mussten. Zuerst mussten die Sachen trocknen und es war schon sehr spät am Abend, weshalb die Szene zunächst gestorben war. Sie musste neu geschrieben werden.

Und ich sage Ihnen, das war kein Spaß, ins Wasser zu fallen. Als ich so ins Wasser ging, dachte ich instinktiv: Haie, hier gibt es echte Haie! (lacht) Es ware ironisch gewesen, wenn mich tatsächlich einer gebissen hätte, und das schon am dritten Tag der Dreharbeiten.
Als es mir möglich war, die Szene zu überarbeiten, wurde mir und Steven klar, dass die Szene wesentlich effektiver wäre, wenn sie bei Nacht und mit nur zwei Darstellern stattfinden würde. Daher machte ich an der Stelle das schwerste, was ein Drechbuchautor/Darsteller machen könnte – Der Schreiberling in mir tilgte meinen Charakter aus der Szene. Das war sehr schmerzvoll. So etwas sollte man nie machen müssen. Je mehr ich am Drehbuch veränderte, desto kleiner wurde auch der Part von Meadows. Es war einfach wichtig für den Handlungsfluß, sich auf die Hauptakteure zu konzentrieren und dann im dritten Akt auf die Ruhe des Ozean. Als ich in das Wasser fiel und wir die Szene streichen mussten, kam also eine viel bessere Szene dabei heraus.

Wie war die Zusammenarbeit mit Robert Shaw?

Sie war sehr interessant, weil Shaw vom britischen Theater kam und daher eine klassische Schauspielausbildung hatte. Richard Dreyfuss hingegen war ein junger Schauspieler, der aus Hollywood bzw. der Fernseh-Branche stammte. Als Individuen  waren sie daher oft etwas zickig zueinander. Weil ich am Set war, konnte ich diese Konstellation erkennen. Ich entwickelte zusammen mit den Schauspielern neue Dialoge. Und dieser Beziehung, die die  beiden Männer zueinander hatten, funktionierte perfekt im Film. Es war mir also möglich, genau das auf die Leinwand zu bekommen und Steven nutzte beobachtete dies natürlich auch. Steven hat ein sehr gutes Auge für diese Anspannung zwischen den Charakteren.

Was ist Ihrer Meinung nach das Vermächtnis von “Der Weiße Hai”?

Von der Business-Seite her betrachtet war es der erste Sommer-Blockbuster überhaupt und der amerikanische Film veränderte den Distributionsweg von Filmen für immer. Die ganze Vermarktungsmaschinerie von “Der Weiße Hai” ist extrem wichtig für die Filmgeschichte, weil bevor der Film herauskam, war es so, dass die Filme zunächst nur in größeren Städten uraufgeführt wurden. Erst nachdem sie es schon Monate lang in den selben Kinos spielten, gingen die Filme an die Kinos in den kleineren Städten. “Der Weiße Hai” wurde Landesweit vermarktet, sodass der Film vom ersten Tag an in 1000 bis 2000 Kinos gezeigt wurde. Heute wird diese Strategie weltweit verfolgt und Filme starten zeitgleich  auf internationaler Ebene.
Das zweite Vermächtnis von “Der Weiße Hai” ist, dass ein Horror-Film mit einer glaubhaften, nicht sichtbaren Präsenz, echte Angstzustände bei den Zuschauern hervorrufen kann. Das ist ähnlich wie z. B. in “Alien”: Wir sehen die Creature die meiste Zeit des Filmes über nicht. Das ist also auch ein Teil des Erbes – eine Art Konstruktion bzw. zuverlässige Struktur für einen Horror-Film.

Vielen Dank für das Gespräch! „Der weisse Hai“ ist auf Blu-ray erhältlich.

 

Bildquellen:

  • Carl Gottlieb: © Universal Pictures

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