„3D wie wir es heute kennen, ist tot!“

Im Gespräch mit Regisseur Ben Stassen („Das magische Haus 3D“)

Herr Stassen, was haben Sie gemacht, bevor Sie zum Film kamen?

Ich war schon immer im Filmbusiness. Ich studierte Politik-Wissenschaften in Belgien. Nach meinem Abschluss ging ich an die Filmschule USC in Los Angeles und belegte einen drei Jahre andauernden Studiengang als Filmemacher. Der Film hat mich also schon immer beschäftigt. Im Gegensatz zu vielen anderen Kollegen wollte ich im Teenager-Alter noch kein Filmemacher werden. Erst im Alter von 20 also während meines Studium entschied ich dann zum Film zu gehen.

Und was war der Grund für diese Entscheidung?

(Lacht) Das ist eine seltsame Geschichte:
im französisch-sprachigen Teil von Belgien studierte ich an einer niederländischen bzw. flämischen Universität Politikwissenschaften. Ich spreche kein Flämisch – ich lernte ein wenig in der Highschool, aber sprechen konnte ich es nicht – Als ich also mit dem Studium begann, war es sehr schwer für mich Dissertationen zu schreiben und Vorträge zu halten. Daher ging ich zu den Dozenten und fragte, ob ich die Arbeiten auch in Video-Form einreichen könnte.  Sie müssen wissen, dass diese Uni ein sehr gut ausgestattetes Audiovisuelles Zentrum hat. Und sie nahmen den Vorschlag an. Und so, obwohl ich Politikwissenschaften studierte, benutzte ich Videos als Medium, um all das darzustellen, was ich sonst schreiben würde. Auf diese Weise entdeckte ich meine Vorliebe, Ideen in bewegten Bildern auszudrücken. Über die Bilder konnte ich mich in verschiedensten Sprachen ausdrücken – und so wurden die Filme zu meinem Leben.

Inzwischen ist 3D zu Ihrer Profession geworden. Was fasziniert Sie so sehr daran?

Wenn Sie fernsehen oder ins Kino gehen, versuchen Sie sich auf den jeweiligen Film komplett einzulassen. Das Großartige an 3D ist daher gar nicht so sehr der „Into-The-Face“-Effekt. Vielmehr ist es die Antwort auf die Frage: Warum gehen wir überhaupt ins Kino? Im Kino geht das Herz auf. Man bekommt ein riesiges Bild, einen großartigen Sound, das einen die physische Realität um einen herum vergessen lässt. Das zieht Sie weiter in die Filmhandlung hinein – intellektuell und emotional. Mit 3D haben Sie ein neues Level des Einbeziehens. Hiermit wird es nämlich physisch. Gutes 3D ermöglicht es Ihnen, direkt in dem Filmgeschehen zu sein. Und das erweitert den Einbezug extrem, denke ich. Deshalb funktioniert auch ein Film wie „Gravity“ so gut. Als ich „Gravity“ im Kino sah, war ich allein im Kinosaal – und für mich war es so, als wäre ich allein mit Sandra Bullock im Weltall. Für mich war es eine der großartigsten Erfahrungen, die ich je in einem Kino hatte. Und das ist für mich, worum es bei 3D geht.
In „Das magische Haus“ verwende ich den Pop-Out-Effekt relativ häufig, häufiger, als in meinen anderen Filmen. Hier ist es Teil der Geschichte: Die Tiere verteidigen das Haus – da geht es also um sehr viel physische Agression, wenn man so will. Und deshalb wirken hier die Into-The-Face-Effekte auch so gut.

Wim Wenders sagte einmal, dass 3D ein Stilmittel zum Erzählen einer Geschichte ist. Wie setzten Sie dieses ein?

In meinen Augen wirkt ein 3D-Film ein kleines bisschen mehr wie ein Bühnen-Stück. Als erstes fragte ich mich bei jeder Szene, wo positioniere ich den Betrachter? In einem 2D-Film ist es wesentlich grafischer. Man kann hier den Schnitt ganz unterschiedlich machen. In 3D muss der Betrachter positioniert sein. Und ich mache wesentlich mehr Aufnahmen. Da muss man viel editieren und schneiden. Prinzipiell geht es mehr um Establishing Shots, um die Positionierung des Betrachters im Film-Erlebnis. Und um die stilistische Absicherung, dass der Zuschauer denkt, er wäre Teil der Szene.

Gibt es eine gewisse 3D-Dynamik in  „Das magische Haus“?

Ja, das ist immer der Fall. Der eine Punkt ist, dass es beim heutigen Stand der 3D-Technik eine Menge technischer Eingrenzungen gibt. 24 Bilder pro Sekunde du das damit verbundene „Strobing“ ist ein sehr großes Problem beispielsweise. Man hat diese Ruckler auch in 2D-Filmen, aber dort stört es nicht so extrem, wenn sich die Kamera beispielsweise von links nach rechts bewegt. In 3D ist das Strobing niemals dasselbe in beiden Augen. Dadurch ermüden die Leute sehr schnell und sie bekommen Probleme. Und das ist nur ein Beispiel. Daher muss man sehr vorsichtig sein, damit der Film ein angenehmes Seh-Erlebnis ist. Daher wird die stereoskopische Tiefe in den schnellen Actionsequenzen auch ein wenig zurück gefahren, damit es nicht mehr so eindringlich ist und nicht so schwierig anzuschauen. Trotzdem mache ich etwas, was niemand sonst macht, und das geht, weil es im IMAX-Format erstellt wurde. In IMAX kann man die Kamera nicht konversieren. Wenn man die Perspektive der Kamera festsetzt, du damit auch den Grad der Konversierung, das ist das, was dann auch später auf der Kinoleinwand zu sehen ist. Alles was vor dem Darsteller und hinter ihm ist, besitzt eine Tiefe. Wenn man parallele Kameras benutzt, wie ich, legt man nicht die 3D-Tiefe zwischen dem Betrachter und der Leinwand fest, sondern nur die Tiefe zwischen der kamera und dem Subjekt. Dadurch hat man von der ersten bis zur letzten Kinositzreihe auch dieselbe Tiefenwirkung also das gleiche Abstandsverhältnis zum Subjekt im Film, was nicht der Fall ist, wenn man konversiert. Und das haben wir in IMAX gemacht, weil wir nicht physisch eine Kamera im IMAX-Format konversieren können. Als ich also mit Feature-Films angefing, habe ich versucht das dort auch so anzuwenden. Und es funktioniert sehr gut. Es ist ein ganz anderes Erlebnis als bei Filmen, die Konversionen verwenden. Das 3D ist wirkungsvoller und angenehmer zu schauen, weil wenn man auf Material schaut, das von  Parallel-Kameras aufgenommen wurde, kann man aus jedem Blickwinkel schauen. Wenn man auf konversierte Material schaut, muss man sich gezwungener maßen auf einen vorgesehenen Punkt konzentrieren, an dem sich die Szenen orientieren.

Könnten Sie sich vorstellen, einen Film mit einer höheren Bildfrequenz als 24p zu machen?

Ich kann es mir nicht nur vorstellen … Ich würde sogar so weit gehen zu sagen 3D wie wir es heute kennen, ist tot! Es hat keine Zukunft! Die Leute sind gesättigt. Das ist kein 3D, was wir hier bekommen, es ist maximal 2 ½ D. Hollywood-Filme sind einfach nutzlos. Ok, „Gravity“ ist brillant, das ist eine Ausnahme – aber das meiste funktioniert nicht. Sie nehmen die Zuschauer nicht ernst. Sie machen es einfach, weil das Studio es ihnen gesagt hat. Es ist zwar nur eine Vermutung, aber ich hörte, dass heutzutage kein einziger Film in Hollywood mehr in 3D gedreht wird. Sie machten es vor zwei, drei Jahren, nun gibt es nur noch Konvertierungen in der Postproduktion. Wir sehen ebenso, dass weniger als 50 Prozent der Einnahmen von den 3D-Filmen kommen. Die Leute wollen das zusätzliche Geld nicht mehr bezahlen. Sie wollen die Brillen nicht tragen und sie haben das Gefühl, dass sie nichts Sinnvolles für ihr Geld bekommen. Es macht keinen Sinn mehr. Für mich ist daher „High Framrate“ die Zukunft. „Der Hobbit“ ist brillant! Es gibt einige Szenen, wo einige Leute sagen, das sieht komisch aus – das ist eine Frage der Art-Direction, da ist noch Feinjustierung notwendig. Aber das 3D ist fantastisch bei 48 Bildern die Sekunde! Und es gibt ein paar Szenen, die absolut brillant wirken. Ich denke, das 3D wie wir es heute kennen, wir in den nächsten drei Jahren verschwinden. Und ich denke, der harte Kern des 3D wie „Der Hobbit“ und wie „Avatar“ werden mit 60 Bildern die Sekunde kommen. Und wir werden keine ein bis drei 3D-Filme pro Woche haben, wir werden vielleicht sechs bis zehn Filme pro Jahr in High-Framerate, in 4K-Qualität und in 3D-sehen. Ein Grund dafür wird sein, dass Hollywood High-Framerate benutzt, um die Kinobetreiber von 4K zu überzeugen und in seiner besten Form zu präsentieren, ähnlich wie sie 3D benutzten, um die Digitalisierung in den Kinos voranzutreiben. Sie werden also keine 10 Kinos per Multiplex haben und stattdessen nur 1 bis 2, die diese High Framerate zeigen können. Das ist meine Prophezeiung für die nächsten Paar Jahre im 3D-Sektor.
Wo wir schon beim Thema sind, ich weiß, dass Sie fürs BLU-RAY MAGAZIN schreiben. Ich meine: Die Leute waren so erfreut über 3D, weil es endlich 3D-TVs gab. Aber selbst die neuen TVs sind nicht wirklich 3D-fähig. Und niemand schaut heute noch 3D. Niemand! Die Luft ist einfach raus. Daher wird es eine große Interessenverschiebung geben. Momentan redet jeder über das 4K-Fernsehen. 3D ist überhaupt kein Thema mehr.

Es gibt momentan keine wirkliche Anleitung zum drehen von 3D-Filmen. Wie haben Sie sich das Wissen dazu angeeignet?

Ich hatte das Glück die letzten 25 Jahre Event-Filme für Themenparks zu produzieren. Ich habe ungefähr 42 solcher Filme gemacht – 3D-Filme mit physischen Effekten. Nach 9 IMAX 3D Filmen habe ich mehr 3D Filme gemacht als viele andere Kollegen. Bevor ich mich also den Feature-Filmen fürs Kino gewidmet habe konnte ich alle möglichen 3D-Erfahrungen in unterschiedlichsten Filmsituationen und Filmarten sammeln. Die Kurzfilme waren sehr teuer. Millionen an Dollar für 4 Minuten Film … Da ging es nicht um die Story. Vielmehr um das Erlebnis und die Technologie. Aber es war uns möglich während dieser Dreharbeiten eine Menge über 3D zu lernen. Das habe ich alles 15 Jahre bevor ich meinen ersten Kinofilm drehte gemacht.

Jetzt haben Sie mit „Sammy“ und „Das magische Haus“ grandiose Animationsfilme in 3D abgeliefert – mit „African Safari“ eine beeindruckende Doku in 3D. Können Sie sich vorstellen auch Realfilme mit fiktionalem Inhalt in 3D zu produzieren?

Bisher noch nicht. Nicht, dass ich nicht wollte. Aber nein. Wir haben ein Unternehmen mit 120 Leuten. Wir müssen den Laden am Laufen halten. Wir müssen einen Film nach dem anderen machen, um das Team zusammen zu halten. „African Safari“ war schon relativ schwierig für mich. Ich habe über eine Periode von anderthalb Jahren insgesamt 6 Monate in Afrika verbracht, während ich „Das magische Haus“ betreute. Es war also eine Herausforderung, beides zu managen. Und nur ich war darin involviert plus ein amerikanisches Team. Es war wirklich sehr hart. Und ich denke wir sollten uns auf die Animation konzentrieren. Es ist also kein Realfilm für die nähere Zukunft geplant.

Woher hatten Sie die Idee für die Story von „Das magische Haus“?

Die Grundidee kam von einer Themenpark-Attraktion, für die ich einen Kurzfilm produzierte. Ein 13-Minüter namens „Haunted House“Und darin ging es um eine ausgesetzte Katze, die einen  Unterschlupf suchte, durch eine offen Haustür schlüpft und feststellt, dass es ein Geisterhaus ist, besetzt von einem Zauberer. Als es nun darum ging, nach neuen Film-Projekten zu suchen, dachte ich, dass wir vielleicht diese Attraktion erweitern könnten, die weltweit so erfolgreich war. Also entschieden wir für den Featurefilm, dass es kein verfluchtes Geisterhaus sein soll, sondern nur ein Haus, bewohnt von einem Magier. Und so bauten wir die Story basierend auf dieser Idee.

Wird es einen dritten Sammy-Film geben?
(lacht) Momentan haben wir noch nicht angefangen, an einem dritten Sammy-Abenteuer zu arbeiten. Große Unternehmen wie Dreamworks haben weit über 1000 Mitarbeiter. Wenn sie also Fortsetzungen animieren, haben sie einige der Schlüssel-Mitarbeiter dabei, die auch bei den Vorgängern mitgewirkt haben. Viele im Team sind ältere Leute. Und für ein Unternehmen wie das unsere ist das mit 120 Leuten schon schwieriger. Als wir die zwei Sammy-Filme hintereinander machten, bedeutete dies für die Mitarbeiter 4 Jahre lang die gleichen Figuren in der gleichen Umgebung zu animieren. Und das wird nach einer Weile etwas langweilig, wenn man schon seit vier Jahren nichts anderes macht. (lacht) Zu diesem Zeitpunkt haben wir gerade „Das magische Haus“ fertig gestellt und arbeiten an unserem nächsten Film „Robinson Crusoe“. Den nächsten Film beginnen wir im September, wo ich noch nicht genau weiß, was es für ein Film werden wird. Und vielleicht widmen wir uns nach dieser Produktion wieder einem „Sammy“-Abenteuer.

Vielen Dank für das Gespräch!

Bildquellen:

  • DAS MAGISCHE HAUS: © Studiocanal

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