Entweder man liebt die HBO-Serie "The Wire" oder man kann sie nicht ausstehen. Etwas dazwischen gibt es offenbar nicht. Die Einen bezeichnen sie als beste Fernsehserie der Welt, während die Anderen sie einfach nur langweilig finden. In einem Punkt sind sich jedoch alle einig: "The Wire" ist anders als die meisten Fernsehserien und gerade das macht sie zu etwas ganz Besonderem.

Ein Blutrinnsal auf der Straße spiegelt das Blaulicht von mehreren Polizei- und Krankenwagen. Langsam führt das Auge der Kamera an der Blutspur entlang bis zu einer Leiche, die schwarz gekleidet und mit abgewandtem Kopf auf der Straße liegt. Die Polizisten gehen ihrer Arbeit nach: Die Patronenhülse des Todesgeschosses wird in eine Plastiktüte verpackt und Informationen werden notiert. Neben dem Tatort sitzen afroamerikanische Kinder und schauen dem Geschehen zu.

Etwas weiter entfernt auf einer Treppe sind ein Drogendealer und der Mord-Ermittler McNulty (Dominic West) ebenfalls Beobachter des Treibens. Sie unterhalten sich wie alte Kumpel. Der Tote wird Rotzkolben genannt (im englischen O-Ton „snot bogey“). Er stahl jedes Mal beim Würfelspiel das Geld und machte sich damit aus dem Staub. In dieser Nacht hat er damit anscheinend den Bogen überspannt und er wurde erschossen. Auf die Frage, warum sie ihn trotz seiner zwanghaften Marotte immer wieder mitspielen ließen, antwortet der Dealer „Er gehörte zu uns, wir sind hier in Amerika, Mann“.

Am Ende der Szene wird noch einmal das Opfer gezeigt aber dieses Mal kann man sein Gesicht sehen, es ist ein schwarzer Jugendlicher. Aus einem benachbarten Wohnhaus beschwert sich lauthals ein Mann über den lärmenden Polizeifunk, „wer soll denn dabei schlafen?“.

Alles auf Anfang

Die am 25. Juni erstmals auf Blu-ray erscheinende Serie „The Wire“ besteht aus insgesamt 5 Staffeln mit je 10 bis 13 Episoden, die jeweils 60 Minuten lang sind. Diese derzeit amazon-exklusive Blu-ray Box bietet damit volle 60 Stunden allerbeste Serien-Unterhaltung.

Doch nun zum Inhalt: „The Wire“ ist eine Crime-Serie, die in Baltimore (Maryland, USA) spielt. Erwarten Sie dabei aber auf gar keinen Fall eine „normale“ „Whodunit“-Krimihandlung wie z. B. aus „Navi CIS“ oder „Castle“, wo in jeder Folge mindestens eine Leiche vorkommt und am Ende der Täter feststeht. Vielmehr ist es ein Portrait der Stadt Baltimore , dass den Versuch unternimmt, die nackte Wahrheit ohne Mitleid, Hass oder Liebe zu zeigen. Einst war sie eine große Handels- und Industriestadt gewesen, doch nun passieren bis zu 400 Morde jährlich und Armut ist an jeder Ecke zu finden. „The Wire“ kann somit als fiktive Dokumentation angesehen werden, die darstellt, was in Baltimore tagtäglich abläuft. Drogen, Kriminalität, politische Verschwörungen und die Rassenproblematik gehören zum Alltag und definieren das Leben in dieser Stadt. Damit ist diese Serie aktueller denn je, da die Rassentrennung derzeit erneut in den amerikanischen Fokus gerückt ist und in Baltimore Jugendliche auf die Straße gehen, um zu demonstrieren.

In der Serie versucht die Polizei alles in Griff zu bekommen, doch scheint dies eine Sisyphos-Arbeit zu sein. Ist ein Drogenkönig gefasst, so hat sich an seine Position schon ein anderer gesetzt.  Wie der Titel bereits verrät wird ein ganzes Netzwerk samt der wirtschaftlichen Abhängigkeiten und sonstigen Einflüsse demonstriert. Politiker, Polizeibeamte, Lehrer und Journalisten werden während ihrer Arbeit und ihrer Freizeit begleitet, wobei Alkoholismus und Sexualität ebenso eine Rolle spielen, wie ihr Einfluss auf die kommende Generation. Gleichzeitig wird die andere Seite beleuchtet:

Die Jugendlichen auf der Straße, die sich ihr Geld damit verdienen, unterschiedlichste Dienste für die Drogenbosse auszuführen. Eltern, die versuchen das Treiben ihrer Kinder schön zu malen oder einfach ignorieren, stehen genauso im Rampenlicht, wie die Drogenbosse, die alles in ihrem Terrain kontrollieren und um ihren Platz kämpfen müssen. Beide Seiten stehen jedoch nicht komplett getrennt voneinander, sondern sie sind eng miteinander verwoben. Polizisten unterhalten teilweise eine regelrechte Freundschaft zu Drogendealern, wie in der ersten beschriebenen Szene zu lesen ist. McNulty nimmt den Drogendealer nicht fest, weil er ihn des Mordes verdächtigt, im Gegenteil: Er setzt sich neben ihn und unterhält sich kumpelhaft, fragt nach und kommentiert das Verhalten des Jungen und seiner Gang. Keine gewöhnliche Szene in einer Crime-Serie aber eine noch oft zu sehende in „The Wire“.

Ein Roman als Serie

Auch stilistisch betrachtet ist „The Wire“ keine übliche Serie mit Cliffhanger und Spannungshöhepunkten in jeder Episode, vielmehr wird sie oft wie ein Roman beschrieben. Ein Roman, der aus mehreren Kapiteln und Unterkapiteln besteht. Jede Staffel hat dabei ihren eigenen Schwerpunkt, ihr eigenes Thema, das in den einzelnen Episode ausgelegt wird: Die erste Staffel zeigt die verworrenen Strukturen im Polizeisystem und im Drogengeschäft, die sich gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Auf beiden Seiten gibt es bestimmte Regeln und Hierarchien. Die zweite Staffel behandelt die Verhältnisse im Hafen der Stadt, wo das harte Leben der Arbeiter, Intrigen und illegaler Menschen- und Drogen-Handel auf der Tagesordnung steht. In der dritten Staffel wird sich das politische System und die üblen Machenschaften während der Bürgermeisterwahl vorgenommen, Verschwörungen und Bestechung begegnen einem hier, als wären sie das Normalste auf der Welt.

Die Kinder und das Schulwesen werden in der vierten Staffel in den Mittelpunkt gesetzt. Gezeigt wird dabei die ersten Erfahrungen der jungen Erwachsenen im Drogengeschäft und der normale Alltag in einer Schule in Baltimore. Zugleich birgt diese Staffel aber auch einen utopischen Ansatz, ein System, das es schaffen könnte, die Drogenspirale und damit auch das Netz zu durchbrechen. Dabei ist diese Idee so detailliert ausgearbeitet und wird so realistisch durchgespielt, dass man das Gefühl erhält, es könnte tatsächlich ein realistischer Modellversuch sein. Die letzte Staffel rückt die Welt der Medien ins Blickfeld, die ihre Augen und Ohren überall hat und dabei großen Einfluss ausübt – zugleich aber auch selbst manipuliert wird und vom gleichen Wirtschaftssystem abhängig ist, wie Polizei, Politiker, Schulen, Drogenkartelle und alle anderen auch. Das Thema des Drogenhandels und der Polizeiarbeit zieht sich durch alle fünf Staffeln hindurch, da es zu der Stadt gehört wie die Häuser und ihre Bewohner.

Heldenfiguren gibt es in der Serie nicht, denn es werden alle Figuren gleichberechtigt behandelt. Jeder kann sterben, Invalide werden, drogenabhängig oder aus anderen Gründen ausscheiden. Jeder kann Fehler machen – denn Irren ist menschlich. Einfach alles kann passieren, sogar Zufälle (die nicht gescripted wirken). Einige Protagonisten sind zwar in allen Staffeln zu finden, jedoch spielen sie dabei nie die Hauptrolle. Die Charaktere entwickeln sich Stück für Stück und erreichen dabei ein hohen Grad an Komplexität. Der Zuschauer ist hier Beobachter eines verwinkelten Szenarios und hat rein passiv Teil am Geschehen, ohne dass er sich mit einer der Figuren identifizieren kann.

Echte Charaktere

Die Besonderheit der Serie liegt in ihrer Realitätsnähe. Dies wird nicht nur durch die dokumentarische Sichtweise hervorgerufen, denn die Serie wurde nicht nur tatsächlich vor Ort unter hohem Risiko gedreht, sondern auch die Schauspieler und ihre Crew haben ein besonderes Verhältnis zum Thema. Angefangen mit David Simon, dem Autor, der 12 Jahre lang Polizeireporter bei der „Baltimore Sun“ war und dort über Verbrechen und Drogenhandel in der Stadt berichtete. „The Wire“ soll das echte Amerika darstellen, was er während seiner Arbeit als Journalist kennen gelernt hat und für das es seiner Ansicht nach keine Rettung mehr gibt. Sein Buch „Homicide: Ein Jahr auf mörderischen Straßen“ wurde ebenfalls als gleichnamige Serie produziert und einzelne Szenen sind davon in „The Wire“ wiederzufinden.

Der Co-Kreateur Ed Burns arbeitete wie Simon in Baltimore, allerdings als Polizist im Morddezernat. Nachdem er diese Arbeit aufgegeben hatte, übernahm er einen Lehrerjob an einer öffentlichen Schule im Ghetto. Simon und Burns lernten sich während ihrer Arbeit in den 1980er Jahren kennen und schrieben später gemeinsam die Drehbücher zur Serie, um ihre Erfahrungen darin zu verarbeiten.

Aber nicht nur die Autoren haben etwas mit der Stadt zu tun und dem Thema, sondern auch die Schauspieler. In 13 Episoden spielt beispielsweise der Rapper Method Man mit, der vor seiner Berühmtheit im Rahmen des Wu-Tang-Clans u.a. als Drogendealer sein Geld verdiente. Bewohner aus Baltimore sind ebenfalls in mehreren Nebenrollen zu finden, darunter Ex-Kriminelle, Polizisten, Politiker und Journalisten. Um die Szenen möglichst nah an der Wirklichkeit zu zeigen, verwendeten die Schauspieler der Drogenszene den echten Straßenslang von Baltimore. Selbst die amerikanischen Zuschauer brauchten deshalb englische Untertitel, um alles verstehen zu können.

Sensible Dreharbeiten

Bei „The Wire“ liefen die Dreharbeiten anders ab, als bei den meisten Serien. David Simon ließ seinen Schauspielern einige Freiheiten. Natürlich mussten auch sie sich an den Text halten, in den Szenen gab es einen bestimmten Ablauf und vorgemalte Szenenbilder, doch konnten diese auch gern variiert werden. David Simon wollte, dass sich die Schauspieler vollkommen auf ihre Rollen einlassen können und dabei nicht gestört werden. Die Kameras richteten sich so oftmals nach den Schauspielern und nicht umgekehrt. So musste sich beispielsweise die Kamera bewegen und nicht die Figur, die auf einer falschen Position und der Kamera im Weg stand.

Es gibt jedoch noch weitere Details, die den dokumentarischen Stil unterstützen. In der Serie werden die Szenen zum Beispiel nicht mit Musik untermalt oder intensiviert. Einzig das Intro „Way Down The Hole“, im Original von Tom Waits und Musik aus der Umwelt, d.h. Musik in einer Bar, Radio oder Straßenmusiker kommen in der Serie vor. Das Intro spielt dabei auch noch eine Besonderheit, denn in jeder Staffel wird das Lied von jemand anderes interpretiert, passend zum Thema der jeweiligen Staffel. „The Blind Boys of Alabama“ ist eine Gospelgruppe, die das Lied als ein Blueslied in der ersten Staffel auslegt und damit das Leben auf der Straße mit den Drogenbanden widerspiegelt. Ein hartes Leben, das man nehmen muss wie es kommt. Die zweite Staffel bildet das Hafenmilieu ab und wird von Tom Waits persönlich eingeführt.

Die rauchige Stimme könnte auch von einem Hafenarbeiter stammen, gezeichnet von der schweren Arbeit. Ein Mix aus RnB, Soul und Jazz bieten „The Neville Brothers“ in der dritten Staffel für das Thema Politik. Die Interpretation ähnelt der ersten Staffel, doch ist sie etwas schneller und enthusiastischer als bei „The Blind Boys of Alabama“, die dagegen eher eine passive Position einnimmt. Entsprechend des Themas in der vierten Staffel, das Leben der Kinder und dem Schulsystem in Baltimore, singen fünf aus dieser Stadt stammende Jugendliche den Titel „Way Down The Hole“. Die letzte Staffel mit dem Thema Medien ist etwas moderner ausgelegt und kann als Alternative Country bezeichnet werden mit einem Hang zum Pop. Der Sänger ist Steve Earl.

Nichts für Ungeduldige

Warum gibt es nun trotz des immensen Zuspruchs immer noch gegenteilige Meinungen? Dies mag wohl hauptsächlich an dem trockenen, dokumentarischen Stil der Serie liegen. Der Zuschauer ist zum mitdenken gezwungen und ertastet sich genauso seinen Weg durchs Dunkel wie die Polizisten in ihrem Kampf gegen die Drogenbanden. Und das ist ganz schön langwierig. Kein Erzähler führt in die Serie ein und kein Rückblick zeigt, was zuletzt geschah. Der Zuschauer ist auf sich gestellt und lernt Episodenweise die Stadt Baltimore und ihre Bewohner kennen. Wie in einem Roman bietet es sich in dieser Serie an, noch mal eine frühere Episode anzusehen, weil man sie danach vielleicht besser versteht und Zusammenhänge sieht. Daher ist es besonders empfehlenswert sich diese Blu-ray-Box zu Hause ins Regal zu stellen, wie ein Buch und sie sich immer Mal wieder zu Gemüte zu führen.

Warum die HD-Version?

Der erfreulichste Unterschied zur bereits länger erhältlichen DVD-Version ist das Bildseitenverhältnis, das nun nicht mehr auf Röhrenfernseher 1.33:1 zugeschnitten ist, sondern endlich mit einem Verhältnis von 1.78:1 die aktuellen Breitbildfernseher vollständig ausfüllt. Das ist ein komplett anderes Sehvergnügen als zuvor. Natürlich wurde auch alles digital überarbeitet, die Schärfe etwas aufbereitet usw., damit sich der Kauf in HD überhaupt lohnt. Wichtig ist es hierbei allerdings zu differenzieren und die erste Staffel von 2002 zum Beispiel mit anderen Augen zu betrachten als die 2008 gedrehte, fünfte Staffel, die logischerweise eine etwas bessere Bild- und Ton-Qualität vorweist. So fällt in der ersten Staffel visuell insbesondere das vordergründige Rauschen und der harte Kontrast auf, der oftmals dafür sorgt, dass Dunkelflächen Details verschlucken.

Der Schwarzwert wurde gut eingepegelt und gegebenenfalls nach unten korrigiert. Einige Nahaufnahmen weisen Details auf, die man auf DVD zuvor nur verschwommen oder gar nicht erkennen konnte. In der fünften Staffel ist der Kontrast wiederum wesentlich natürlicher und das Bildrauschen befindet sich weitestgehend im Hintergrund – selbst in dunkleren Szenen. Hier wirken auch die Farben weniger matschig. Der Direktvergleich lässt sich auch bei der Tonspur bewerkstelligen: Die deutsche Dialogspur von Staffel eins hat offensichtlich die üblichen Probleme von TV-Serien, die von der 50i-Frequenz (50 Halbbilder pro Sekunde) auf die leicht langsamere 24p-Frequenz (24 Vollbilder pro Sekunde) umgewandelt wurden. Die Stimmen klingen verzerrt und blechern, was das Hörvergnügen schmälert.

Logisch, dass dann viele von der deutschen DTS 2.0 Tonspur auf die englische DTS-HD MA 5.1 Tonspur umschalten, die natürlicher klingt, im Großen und Ganzen aber auch keine Surround-Offenbarung ist. In diesem Fall sollten Sie aber unbedingt Untertitel aktivieren, um auch den schlimmsten Slang verstehen zu können. Im Laufe der Staffeln gibt sich das Verzerrungsproblem aber und auch die deutsche Tonspur gewinnt an Natürlichkeit, weshalb sie beispielsweise die fünfte Staffel in einer sehr schönen Tonqualität auf Deutsch genießen können. An Bonusfeatures gibt es auf die Staffeln verteilt einige großartige Dokumentationen zum TV-Phänomen wie z. B. die neue Podiumsdiskussion „The Wire – Das Wiedersehen“. Standardmäßig sind es aber meist Audiokommentare zu ausgewählten Episoden. Die Gesamtbox ist übrigens derzeit amazon.de-exklusiv, während die Einzelstaffeln sicherlich auch bald in den regulären Handel kommen werden.

 

 

Review: The Wire
"The Wire" sollte jeder einmal gesehen haben, denn solch ein gewagtes und großartiges TV-Experiment wird so schnell kein anderer machen.
Film9.5
Bild7
Ton4
Extras7
6.9Gesamtwertung

Bildquellen:

  • The Wire: © HBO / Warner Bros.