Wenn nicht gerade George Clooney als Danny Ocean mit seinen elf Freunden die Strippen zieht, gehen groß angelegte Raubzüge in den meisten Filmen selten wie geplant aus – so auch in „Wilde Hunde“. Das Ergebnis ist eine spontane Geiselnahme, eine hektische Flucht vor der Polizei und viele Tote.

Fragt man die schlimmsten Schwerverbrecher, die hinter den dicksten Mauern im Hochsicherheitstrakt sitzen, was sie denn eigentlich verbrochen haben, outen sich die meisten davon als professionelle Bankräuber. Zugegeben: Es steht den Insassen frei, vor den Journalisten zu lügen oder die Wahrheit für sich zu behalten. Und die Gefängniswärter und Betreuer stehen unter Schweigepflicht – auch Schwerkriminelle haben Persönlichkeitsrechte. Schenkt man ihren Aussagen aber Glauben, drängt sich die Vermutung auf, dass das Bankraub-Geschäft nicht allzu viel Erfolg verspricht. Dieser Annahme tragen auch viele Filme Rechnung. Schon 1974 inszenierte der Italiener Mario Brava in „Wild Dogs“ den Überfall eines Geldtransporters, der schließlich in einer Geiselnahme mit darauf folgender, chaotischer Flucht und einer ordentlichen Anzahl an Toten ausartete. Bravas Werk galt lange Zeit als verschollen und wurde erst 1996 wieder veröffentlicht. 2015 machte sich der Franzose Éric Hannezo daran, eben diesen Stoff mit „Wilde Hunde“
neu umzusetzen.

Improvisierte Flucht

Die Story ähnelt dementsprechend stark der Vorlage. Eine Gruppe von Gangstern überfällt gleich zu Beginn eine Bank und geht dabei nicht gerade subtil vor. Die Polizei ist sofort zur Stelle und eine wilde Autoverfolgungsjagd wird entfacht. Auf der Flucht durch ein Parkhaus nehmen die Gauner eine hübsche, junge Französin als Geisel, die sich leider schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten hat. Später, als der Anführer der Gangster getötet wird und der Rest der Truppe das Fluchtauto aufgeben muss, erwischt es den nächsten Unglücklichen, der in seinem Wagen direkt auf der Straße angehalten und entführt wird und nun für die Gangster fahren muss. Komplizierend hinzu kommt seine todkranke, kleine Tochter, die auf dem Rücksitz liegt und eigentlich zu einer wichtigen Operation gebracht werden muss. Es beginnt ein halsbrecherischer Roadtrip, auf dem die Gangster ihr Geld und die Geiseln ihr Leben zu retten versuchen.

Nach bekannten Vorbildern

Die Welt von „Wilde Hunde“ ist keine idealisierte Welt mit mutigen und moralisch agierenden Helden oder gar edlen Gangstern. Sie ist chaotisch und rau. Jeder denkt an seine eigenen Interessen und das gilt auch für die Geiseln – ein Umstand, der definitiv zu den Stärken des Films zählt. Inhaltlich gibt es aber auch Enttäuschungen. Die an sich spannende Geschichte bleibt hinter ihren Möglichkeiten zurück. Besonders den drei Gangsterfiguren fehlt das Format. Die Darsteller sind insgesamt zu sehr bemüht, lässig und gleichzeitig abgebrüht zu wirken, was ihre Rollen eher gesichtslos erscheinen lässt. Ihnen fehlt schlicht eine interessante Persönlichkeit. Ausnahme ist die Figur des Vincent (François Arnaud), der so was wie den Durchgeknallten verkörpert. Er entpuppt sich als unberechenbar und triebgesteuert. Besonders die junge Französin ist vor ihm nicht sicher. Stellenweise spielt er mit ihr, wie ein kleiner Junge, der am Strand sitzt und die angespülten Quallen mit einem Stock pikst. Das verleiht ihm zumindest etwas mehr Profil als seinen beiden Gangsterkollegen, und auch die beiden Entführten wirken im Vergleich überzeugender. Trotzdem fehlt den Figuren insgesamt Charakter. Immerhin gibt es, neben dem angestrebten Realismus des Geschehens, die eine oder andere skurrile Situation, bei denen scheinbar einige bekannte Filme als Vorbild gedient haben. Man merkt, dass „Wilde Hunde“ vor allem von diesen Momenten zehren will. Die Klasse eines Tarantino oder Martin Scorsese wird aber nicht erreicht.

Nicht ganz ausgegoren

Die Action ist dagegen gelungen, auch wenn sie eigentlich nicht im Vordergrund steht. Die kurzen Verfolgungsjagden und Schusswechsel sind stets rasant und spannend. Das liegt vordergründig an der optischen Inszenierung. Lange Kamerafahrten fast ohne Schnitte wechseln sich mit stetig wandelnden Einstellungen ab, die aus stilistisch interessanten Blickwinkeln gedreht wurden. Auch die Übergänge sind dezent verspielt und angenehm fließend. Hier merkt man, dass Regisseur und Kameramann einiges ausprobieren wollten. Das kommt zwar nicht immer zum Tragen und manches wirkt abgekupfert, trotzdem besitzen viele Szenen einen gewissen Schauwert. Enttäuschend ist dagegen der Soundtrack. Er unterstützt zwar in den richtigen Momenten die Action oder die Ruhe, je nachdem. Was da zu hören ist, hat man allerdings schon in vielen anderen Actionfilmen so oder so ähnlich vernommen und ist während des Hörens schon wieder vergessen. Eigentlich soll ein guter Soundtrack ja auch im Hintergrund bleiben, dieser aber verflüchtigt sich selbst durch seine Belanglosigkeit. Da insgesamt mehr Fokus auf die Beziehung zwischen Gangstern und Geiseln und deren Verwicklungen und Strapazen gelegt wurde, kommt die eigentliche Stärke des Films, die Action, leider viel zu kurz. Wer die Vorlage „Wild Dogs“ von Mario Brava kennt, die in den meisten Punkten besser und spannender ist, wird daher wohl etwas
ernüchtert sein.

Solide Technik

Bild- und Tonqualität genügen angemessenen und in manchen Punkten sogar hohen Standards. Besonders der volle Schwarzwert und die weichen Kontraste sind hervorzuheben. Allerdings fallen ab und zu dünne Schlieren auf, die das Bild leicht verwaschen erscheinen lassen und das Farbspektrum ist generell etwas fade. Der Klang gefällt vor allem im räumlichen Erleben. Die Signalortung ist sehr präzise und die Geräusche tänzeln stets nachvollziehbar um einen herum. Zudem erfreut die actionreiche Dynamik, die auch in den ruhigen Momenten überzeugt und die Lautstärke stets zufriedenstellend an das Geschehen anpasst. Abstriche gibt es bei der Abmischung und der Klangqualität selbst. Einige Sounds wirken dumpf beziehungsweise hören sich leicht gedämpft an. Das fällt besonders bei den Waffengeräuschen negativ auf.

Autor: Felix Ritter

Review: Wilde Hunde – Rabid Dogs
Optisch durchaus sehenswert und stellenweise spannend inszeniert. Insgesamt fehlt allerdings die erzählerische Tiefe oder mehr Action – von beidem gibt es zu wenig.
Film6
Bild8.5
Ton7.5
Extras0.5
5.6Gesamtwertung

Bildquellen:

  • Wilde Hunde – Rabid Dogs: © Tiberius Film