Aus dem Land der aufgehenden Sonne kommt schon sehr viel verrücktes Zeug, unter anderem die Filme des Ausnahme-Regisseurs Sion Sono, der z. B. mit „Suicide Circle“, „Love Exposure“ und „Why Don‘t You Play In Hell“ bereits Werke vorlegte, die einfach nur als „Abgefahren“ betitelt werden können.

Nach filmemachenden Yakuza, katholischen Martial-Arts-Spannern und geplätteten Selbstmördern erscheint nun mit „Tokyo Tribe“ das erste „Battle Rap Musical“ der Welt, frei nach der Manga-Vorlage von Santa Inoue.

Und tatsächlich sind fast alle Dialoge des Films in Hip-Hop-Musik eingebettet, sodass selbst die Oma an den Turntables ihre höllischen Drops rhythmisch ankündigt. Wer die Anime-Verfilmung kennt sowie auch schon einmal einen Abstecher zu „Samurai Champloo“ gemacht hat, weiß, wie gut Hip Hop und Samurai-Action zusammenpassen. Nicht zuletzt wurde ja auch der Wu-Tang-Clan von Samurai-Dramen beeinflusst, weshalb eine Realverfilmung eines Hip-Hop-Samurai-Dramas nur eine Frage der Zeit war.

Geschichte einer Nacht

Zur Geschichte: Ähnlich wie im mittelalterlichen Japan ist auch das gegenwärtige Alternativwelt-Tokyo des Films unter mehreren Clans aufgeteilt, die alle unterschiedlichen Hip-Hop-Stilen frönen. Um einen Überblick zu vermitteln, gibt der blondierte Schläger Mera (Ryôhei Suzuki) gleich zu Anfang eine kleine Aufklärung mittels eines Messers, dass er über den blanken Busen einer ideologischen, gutaussehenden Polizistin zieht. 23 Tribes liefern sich einen heißen Vormacht-Kampf auf den Straßen Tokyos und tun dies mittels des Battle-Raps in all seinen Formen. Gira Gira Girls, Shibuya-Saru, Shinjuku-Hands und die Bukuru Wu-Ronz dizzen sich gegenseitig und nur die friedliebenden Musashino Sarus feiern „Love And Peace“. Helle Kleidung und sanfte Rhythmen sind ihre Markenzeichen, die sie ganz eindeutig von den aggressiven Rhymes der anderen Clans distanzieren.

Love & Peace

Insgesamt herrscht trotz der vielen Reibereien ein gewisses Machtgleichgewicht zwischen den Clans, das man auch als Frieden bezeichnen könnte. Allerdings gibt es da noch die fiese Buppa-Familie, deren Oberhaupt (Riki Takeuchi) sexy Party-Mädels zum Frühstück vernascht. Buppas Sohn Nncoi (Yôsuke Kubozuka) verwendet Menschen als Mobiliar und Buppas Verbündeter Mera liebt es, seinen Körper darzustellen, während er mit seinem Schwert spielt. Dieser Satz ist durchaus zweideutig zu sehen, denn neben Meras Hobby, Menschen zu filetieren  achtet er auch stets darauf, den „Längsten“ zu haben. Daher bekommt er eines Tages Lust einen Kleinkrieg zwischen den Banden anzuzetteln und setzt dafür beim nervig friedliebenden Musashino-Saru-Clan an.
Dementsprechend steht auch MC Kai (Young Dias) im Mittelpunkt der Handlung, die in Wirklichkeit ein Duell zwischen dem Baseball-Schläger-Typen Kai und dem Samuraischwert-Typen Mera ist. Wer allerdings glaubt, es ginge hier wirklich um existenzielle Werte … der liegt genau richtig, aber diese Auflösung kommt erst ganz am Ende.

Baseballschläger vs. Schwert

Die zweite, wesentlich interessantere Protagonistin ist ein geheimnisvolles Mädchen, das ihren Suff auf einer Straßen-Bank ausschläft. Aufgrund ihres reinen Aussehens wird sie sogleich von Buppas Häschern in einen Party-Wagen verfrachtet, der sie direkt zu dem monströsen, mädchenverschlingenden Mafia-Boss verfrachtet.

Mit an Bord ist ihr kleiner Bodyguard – ein unscheinbarer Junge, der über herausragende Kampf-Fertigkeiten verfügt. Doch auch das vermeintliche„Prinzesschen“ hat im wachen Zustand einige Moves drauf, die sie zu einer gefährlichen Killerin machen. Alles in allem ist „Tokyo Tribe“ ein kunterbuntes Experiment, voller greller Bilder und fieser Rhymes – Ein Rausch für die Sinne, der im Originalton mit deutschen Untertiteln zu genießen ist, da eine deutsche Synchronfassung hier nicht funktioniert hätte. Der Zuschauer wird in das Geschehen hineingesogen und mit einem faszinierenden, sündhaften und brutalen Comic-Tokyo konfrontiert, das an keiner Stelle ernst genommen werden will und sämtliche Charaktere als schräge, psychotische Vögel darstellt. Sobald der Beat zu langsam wird, übernimmt wieder MC Oma an den Turntablen das Ruder und heizt dem Publikum gehörig ein.

Und so gelingt Sion Sono erneut eine abgedrehte Genre-Collage, die einfach nur Spaß macht und auch eine selbstreflexive Perspektive auf die eigene Rolle in der leistungsorientierten Gesellschaft bietet. Ein japanischer Battle-Rap ist nicht jedermanns Sache. Jeder, der allerdings keine Hip-Hop-Phopie besitzt bekommt hier einige der besten Musiker des Genres zu sehen und darf sich darüber hinaus über eine Shakespeare-artige Komödie freuen.

 

 

Review: Tokyo Tribe
So bunt, schrill und bizarr gab es Tokyo noch nie zu sehen. Ein Hip-Hop-Musical im Stile eines neonfarbenen Graffitis. Sion Sono ist einfach der derzeit schrägste & kreativste Japano-Regisseur.
Film8
Bild5.5
Ton8.5
Extras0.5
5.6Gesamtwertung

Bildquellen:

  • Tokyo Tribe: © Eye See Movies