Michael Mann kennt man heute vor allem für seinen viel gelobten Actionthriller „Heat“ (1995) mit Al Pacino und Robert De Niro in den Hauptrollen. Doch bereits 14 Jahre zuvor verwirklichte er seine Vision eines Heist-Movies und Gangsterepos’ in seinem Kinoerstlingswerk „Thief“ (1981). Dieses gilt für manche heute als vergessener Klassiker – zu recht?

Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf einer breiten Straße mitten in einer US-amerikanischen Großstadt. Es ist tief in der Nacht und ein steter Nieselregen tröpfelt auf den Boden. Vor Ihnen biegt ein schwarzer 1980er Cadillac um die Ecke und fährt die Straße hinauf. Vor Ihrem inneren Ohr erklingen die sphärischen Synthieflächen der deutschen Elektro-Pioniere Tangerine Dream mit einer langsamen, unaufdringlichen Melodie, die sich sanft auf das Plätschern der Regentropfen und das vorbei ziehende Rauschen des Automotors legt. Mit solchen ästhetisch lohnenswerten Eindrücken wird man gleich zu Beginn empfangen und auch im späteren Verlauf entpuppen sich diese klar als die Highlights von „Thief“.

Wo ist mein Geld!

Safeknacker und Einbruchsspezialist Frank (James Caan) ist ein absoluter Profi und hält sich nicht mit Kleinkram auf. Gebündelte Scheine lässt er links liegen. Ihn interessieren nur die lupenreinsten Diamanten. Zusammen mit seinem Kumpel Barry (James Belushi) zieht er nachts routiniert Raubzüge durch. Tagsüber gibt er den gesetzestreuen Autohändler. Die Ware vertickt er bei einem Hehler in einem gewöhnlichem Diner. Dort kann er auch gleich mit der hübschen Kassiererin Jessie (Tuesday Weld) flirten, auf die er ein Auge geworfen hat. Doch diesmal geht etwas schief. Sein Hehler wird beklaut. Den Schuldigen hat Frank schnell gefunden. Die Diamanten sind bei Gangsterboss Leo gelandet. Der gibt sie auch sofort wieder zurück und schlägt gleich einen weiteren Deal vor. Frank soll für ihn arbeiten. Der Job ist zwar gefährlicher als gewohnt, aber auch um einiges ertragreicher. Frank willigt ein, ist er dadurch doch nur noch ein paar Coups von einem ruhigen Lebensabend mit Jessie entfernt. Doch natürlich wird ein doppeltes Spiel gespielt.

Auch wenn die Story nicht gerade originell ist, weiß man doch spätestens seit „Heat“, dass Michael Mann solche Geschichten spannend inszenieren kann. Getriebene, ambivalente Charaktere und erstklassige Heist-Action mit ästhetischem Schauwert – das könnte doch auch 1981 schon gut geklappt haben. Auf sein Gefühl für eine stilsichere Ästhetik konnte sich Mann auf jeden Fall damals wie heute verlassen.

Leuchtende Nächte

Die stellenweise wirklich schön anzusehenden Bilder werden jedoch regelmäßig vom eigentlichen Geschehen entzaubert. Entgegen der ausgereiften Ästhetik fällt „Thief“ in anderen Bereichen hinter den qualitativen Standards späterer Michael-Mann-Filme zurück. Die größten Probleme sind das generelle Tempo des Films und die Dialoge. Protagonist Frank soll als taffer und lässiger Gangster rüber kommen, der sich nimmt, was er will. Im Prinzip verhält er sich auch genauso. Trotzdem wirken viele seiner Aktionen seltsam übertrieben, da die Charakterzeichnung hinter seinem comichaften Profil kaum in die Tiefe geht. Das fällt besonders in der romantischen Beziehung zu Kassiererin Jessie auf. Ihre Verliebtheit entwickelt sich ebenso staksig und abrupt, wie sie dann kurz darauf selbstverständlich ist. Zudem entkräften die abgehackten und teils merkwürdig platzierten Schnitte die eigentlich spannenden Augenblicke im Film. Wichtige Schlüsselmomente kommen einem dadurch nebensächlich vor, was verwirrend sein kann. Allerdings kommt gegen Ende tatsächlich nochmal Fahrt auf, auch wenn das Finale ein wenig enttäuscht.

Für die Neuveröffentlichung wurde „Thief“ noch einmal technisch komplett überarbeitet und ist nun in einer hochwertigen 5-Disc-Box im Metallic-Look erhältlich. Darin befindet sich sowohl die Kinofassung als auch der Director’s Cut auf Blu-ray und DVD, mit zahlreichen Extras wie Dokumentationen und Interviews sowie mit einem Mini-Poster und einem Booklet. Optisch kann sich das Ergebnis sehen lassen, was der Neuabtastung in 4K samt der digitalen Überarbeitung zu verdanken ist. Eine generelle Körnigkeit ist zwar bemerkbar, erweist sich aber als nicht sonderlich störend. Der Detailgrad hingegen ist erstaunlich hoch, ebenso wie die gut eingepegelten Kontraste. Klangtechnisch allerdings enttäuscht die Neuüberarbeitung. Der flache Sound produziert bei den Stimmen einen blechernen Nachhall. Die fehlende Klangtiefe macht die Geräuschkulisse sehr statisch. Wie uns OFDb Filmworks mitteilte, wird die Tonspur aber noch einmal überarbeitet. Nähere Infos hierzu gibt es online auf www.ofdb.de/filmworks.

Autor: Felix Ritter

Review: Thief – Der Einzelgänger
„Thief“ erfreut mit einer sehenswerten Licht- und Farbästhetik, die für die teilweise schwächelnden Dialoge und Charakterzeichnung entschädigen kann.
Film7
Bild7.5
Ton4
Extras10
7.1Gesamtwertung

Bildquellen:

  • Thief – Der Einzelgänger: © OFDb Filmworks