Ein Geräusch, das dem Herzschlag eines ungeborenen Kindes gleicht. Windrauschen, Wasserplätschern und Tiergeräusche. Langsames Atmen direkt am Ohr. Die Kamera gleitet über einen weißen Mann auf einem Bärenfell, daneben ein dunkler Junge und eine Indianerfrau. Die kleine Familie schläft seelenruhig, begleitet von einer männlichen Stimme, die beruhigend auf Pawnee zum Sohn spricht. Wie in einem Traum wird das Bild der glücklichen Familie jäh durch ein brennendes Tipi zerstört. Fassungslos steht der kleine Junge davor und scheint dem Zuschauer direkt in die Augen zu sehen. „Aber du gibst nicht auf. Solange du noch atmen kannst, wirst du kämpfen.“

Vor der brennenden Kulisse hält der Vater seinen verletzten Sohn in den Armen und spricht eines der Mantren, das ihn selbst bis zum Ende begleiten wird: „Du atmest. Atme weiter.“ Gleich nach den ersten zwei Minuten wird klar, dass das Westerndrama „The Revenant – Der Rückkehrer“ ein stiller, intensiver Film ist, der direkt unter die Haut geht.

Gott ist ein Eichhörnchen

Die Haupthandlung ist schnell erzählt. Auf den ersten Blick geht es nur um Rache. Rache der Indianer an den weißen Besatzern. Und die Rache eines Mannes an seinem Peiniger. Beide führen zu gnadenlosem Gemetzel und sind zugleich Auslöser sowie Antrieb der Geschichte. Regisseur Alejandro González Iñárritu fügt diesem Grundrezept jedoch seine eigene Handschrift hinzu. Seine mystische Auseinandersetzung mit den Tragödien des Lebens haben bereits Filme, wie „21 Gramm“, „Babel“, „Biutiful“ und zuletzt „Birdman“ so erfolgreich gemacht. Dem Thema der Rache entlockt Iñárritu auch in „The Revenant“ mehr Komplexität als vermutet und trotz des eindimensionalen Plots erzeugt er eine ganz eigene Poesie.

Die Expedition der Rocky Mountain Fur Company befindet sich kurz vor dem Aufbruch, als sie von einem Arikaree-Stamm angegriffen wird. Pfeile durchbohren Körper, die Mannschaft rennt hektisch durcheinander, Schüsse wechseln. Nur ein knappes Drittel kann sich auf das Boot retten, die meisten Felle und damit die finanzielle Lebensgrundlage müssen zurück gelassen werden. Auf Anraten von Hugh Glass (Leonardo DiCaprio), der ein erfahrener Fährtenleser ist sowie die Lebens-, bzw. Handlungsweisen der Indianer kennt, verlassen einige Männer das Boot und nehmen den Landweg zurück zum Fort. Glass genießt das absolute Vertrauen des Anführers Captain Andrew Henry (Domhnall Gleeson), der weiß, dass dieser Sonderling mit seinem Halbblut-Sohn als Einziger einen sicheren Weg durch die Wildnis findet. Mit seinen zynischen, rassistischen Kommentaren versucht ihm John Fitzgerald (Tom Hardy) dagegen das Leben schwer zu machen. Er ist eine zwielichtige Figur. Trotzdem driftet er durch das Spiel von Tom Hardy nie ins Klischee ab.

Mit seiner ignoranten Grundhaltung und der Gier nach Geld passt er perfekt in diese Zeit Anfang des 19. Jahrhunderts, wo Konflikte und Gewalt zwischen rivalisierenden Stämmen und Siedlern unterschiedlicher Nationen an der Tagesordnung waren. John Fitzgerald braucht kein Gewissen, um zu überleben. Gott ist ein fettes Eichhörnchen für ihn, das sein Vater kurz vor dem Verhungern erlegte und verschlang. Die beiden Kontrahenten haben nur wenige Szenen miteinander, aber in jeder bekämpfen sie sich zielstrebig als würdige Gegner. „Der ist spätestens in einer Stunde tot“, attestiert Fitzgerald dem von einer Grizzly-Bärin schwer verletzten Hugh Glass, doch er soll eines besseren belehrt werden.

Auge um Auge

Zerfetzt und bewegungsunfähig muss Glass mit ansehen, wie sein geliebter Sohn vom Widersacher Fitzgerald mit einem Messer durchbohrt wird. Jim Bridger (Will Poulter), der ebenfalls an der Seite des Verletzten zurück geblieben ist, glaubt zunächst die Lüge des zwielichtigen Pelzhändlers. Gemeinsam begraben sie eilig den Halbtoten und flüchten vor den angeblich herannahenden Arikaree Richtung Fort.

Hugh Glass, John Fitzgerald und Jim Bridger sind historische Personen, fest verankert in der amerikanischen Folklore. Iñárritu nimmt den Mythos, der sich durch das zahlreiche Weitererzählen in Holzfäller-Camps wahrscheinlich immer weiter von der Wahrheit entfernt hat und fügt zugunsten der Dramaturgie eigene Elemente hinzu.

Man kann den „Revenant“ vielleicht treffender als Wiedergänger beschreiben. Angetrieben von Rache wandelt er unbeirrbar auf der Grenze zwischen Tod und Leben, um Fitzgerald schließlich wie ein Geist heimzusuchen. Viele Überraschungsmomente und Traumsequenzen mit mystischen Bildern, wie einem Berg aus Bisonschädeln, sorgen dafür, dass nie ganz klar ist, ob Glass sein Ziel wirklich erreichen wird. DiCaprio spielt seine Rolle so überzeugend, fast ohne Worte und nur durch Körpersprache, dass der haarsträubende Überlebenskampf absolut glaubwürdig erscheint.

Die Verwurzelung seiner Figur in der indianischen Kultur fügt dem blutigen Kampf der amerikanischen Kolonialisierung außerdem kostbare Komplexität hinzu. Hier handelt es sich nicht nur um einen Kampf Schwarz gegen Weiß, Siedler gegen Ureinwohner, sondern auch um grundlegende Werte, wie Menschlichkeit an einem Ort, wo nur das Gesetz des Überlebens gilt. Darüber hinaus darf ein dritter ganz entscheidender Protagonist nicht vergessen werden: die tosende Natur mit ihren unvorhersehbaren Schneestürmen, aber auch ihrer schönen und schutzbietenden Seite.

Iñárritu hat „The Revenant“ innerhalb von 80 Tagen an Originalschauplätzen in Kanada, den USA und Argentinien gedreht. Kein einziger Hintergrund wurde nachträglich mit Hilfe eines Greenscreens eingefügt. Die reinen Naturelemente, Herbst und Winter sollten stattdessen die Schauspieler innerlich verwandeln. Und diese mussten sich wohl oder übel anpassen. Die Strapazen des Drehs haben auf jeden Fall ihre Spuren hinterlassen. Der Vegetarier Leonardo DiCaprio hat wohl sogar in eine echte Leber gebissen. Ob wahr oder nicht, eins ist klar: dieser Film wäre nicht das, was er ist, ohne die dokumentarisch anmutenden Naturaufnahmen.

Eintauchen in die Wildnis

Was Iñárritu mit „The Revenant – Der Rückkehrer“ schafft, ist ein filmästhetisches Erlebnis, das seinesgleichen sucht. Kamera, Schnitt, Ton und Musik sind so aufeinander abgestimmt, dass der Zuschauer direkt in das Leben der Protagonisten eintaucht. Wer sich darauf einlässt, vergisst schon mal seinen warmen Sitzplatz, fängt an zu frieren und denkt, er wäre mit da draußen in der Wildnis. Diesen Film schaut man sich nicht nur an, sondern erlebt ihn.

Der Kameramann Emmanuel Lubezki hat mit “The Revenant” zum dritten Mal in Folge einen Oscar für seine Arbeit erhalten. Damit ist er der Erste überhaupt in der Filmgeschichte. Mit dem mexikanischen Regisseur Alfonso Cuarón drehte er sechs Filme, darunter „Children of Men“ (2006), der durch neue Kameratechniken und den markanten Stil Lubezkis internationale Anerkennung erhielt. Mit „Gravity“ heimste er schließlich 2013 den ersten Oscar ein, dicht gefolgt von „Birdman“ (2014). In “The Revenant” ist Lubezki mit seiner Kamera immer so dicht an den Figuren, dass es fast schmerzt.

Die intensiven Nahaufnahmen werden nur selten durch Super-Totalen abgelöst, die den kleinen Mann zwischen den riesigen Bergen noch winziger wirken lassen. Lubezki hat ausschließlich mit natürlichem Licht gearbeitet, was den Drehzeitraum innerhalb eines Tages erheblich einschränkte, die realistische Wirkung aber verstärkt. Der ganze Film wirkt, als wäre er in einem Zug aufgenommen.

Dem Todeskampf Schönheit abzuringen und eine unwirtliche Gegend in Leinwand-Poesie zu verwandeln, das ist die großartige Leistung dieses Kameramanns. Musiker und Komponist Ryuichi Sakamoto, der bereits in „Babel“ (2006) mit Iñárritu zusammen gearbeitet hat, trägt mit seiner punktgenauen, mysteriösen und beschwörenden Filmmusik ebenfalls maßgeblich zur Dramatik bei. Hinzu kommen Geräusche, wie das Rauschen des Windes und der Atem von Glass direkt am Ohr, die zusammen mit dröhnendem Bass aus dem Subwoofer einen unheilvollen Rhythmus bilden und den Zuschauer an die Grenzen des Erträglichen führen. Einzig die unglaubwürdig geschminkten Fleischwunden von Glass nach dem Bärenangriff und einige mittelmäßig animierte Tiere irritieren etwas und sorgen für Punktabzug.

Dreimal Gold

Bereits kurz nach offiziellem Filmstart im Januar haben allein in Deutschland rund eine Million Kinobesucher „The Revenant – Der Rückkehrer“ gesehen. Über 130 Nominierungen sowie über 50 Auszeichnungen, darunter drei Golden Globes in den Kategorien Bester Film, Beste Regie und Bester Hauptdarsteller sprechen für sich. Im Februar erhielt Leonardo DiCaprio schließlich seinen ersten Oscar für seine Rolle als Hugh Glass. Jeweils ein weiterer ging an den Regisseur Alejandro González Iñárritu und den Kameramann Emmanuel Lubezki. An „The Revenant“ kommt in diesem Jahr kein Filmfan vorbei. Und das zu Recht.

Die eigentliche Qualität des Films liegt allerdings in der Dichte der Atmosphäre. Die meditativen, intensiven und oft langen Einstellungen sollte man aushalten können. Auf die gestellten Fragen nach dem Dasein und ob Rache wirklich das ist, was den Durst stillen wird am Ende des Tages, dürfen dagegen keine großen Antworten erwartet werden. Es gibt nur einen guten Ratschlag für „The Revenant“: Anschauen! Und das am besten auf einer Leinwand mit dem dazu gehörigen Soundsystem. Auf der Blu-ray gibt es außerdem eine 45-minütige Dokumentation über den Film, seine Figuren und die Bedeutung in der heutigen Welt. Für Sammler gibt es übrigens auch eine Steelbook-Edition der Blu-ray. Und der bildgewaltige Film ist zudem als Ultra-HD-Blu-ray samt HDR-Mastering erhältlich.

Autor: Stefanie Binder

 

 

Review: The Revenant – Der Rückkehrer
Der eindimensionale Plot reicht nicht ganz zum Epos. Charaktere, Atmosphäre und Dramatik bilden jedoch ein sehenswertes Gesamtkunstwerk mit brachialer Bildgewalt.
Film9.5
Bild9.5
Ton9.5
Extras7
8.9Gesamtwertung

Bildquellen:

  • The Revenant – Der Rückkehrer: © 20th Century Fox Home Entertainment

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