Dystopien liegen voll im Trend, und sowohl Filme als auch Serien zeigen derzeit mit Vorliebe den Überlebenskampf attraktiver junger Menschen. Dabei läuft bei „The 100“ einiges etwas anders als man es gewohnt ist.

Leidenschaftlich glühende Blicke, die sich direkt ins junge Herz bohren und seine Besitzerin gefangen nehmen, zögernde erste Berührungen, von einer gitarrenseligen Indie-Schnulze gefühlsmelkend untermalt, die bitteren Tränen der Enttäuschung, die umso süßeren Tränen innigen Entzückens, zarte Pastellfarben, ein letztes Kuscheltier, all das sind die Zutaten, die man erwarten könnte, wenn man an eine Serie für ein Publikum von überwiegend jungen Frauen denkt.

An ein solches Publikum richtet sich auch „The 100“, doch wen’s nach Romantik und anderen zarten Gefühlen gelüstet, der wird von dieser Serie möglicherweise tief enttäuscht werden. Immerhin, Tränen fließen hier durchaus reichlich, häufiger jedoch fließt etwas anderes, etwas, das man in solch einem Umfeld am ehesten noch als energiereichen Trank für durstige Vampire erwartet, nämlich Blut. Ja, „The 100“ legt eine bemerkenswert harte Gangart an den Tag, so hart, dass Pro 7 für seine Ausstrahlung im Abendprogramm bei der einen oder anderen Episode zur Schere greifen musste. Doch keine Sorge, auf Blu-ray erscheint „The 100“ in ungeschnittener Brutalität.

Dabei ist es eigentlich gar nicht mal so sehr die grafische Explizität des Gezeigten, die diese irgendwo zwischen „Herr der Fliegen“ und „Lost“ angesiedelte Serie zu recht hartem Tobak macht. Vielmehr ist es die inhaltliche Härte, das kompromisslose Verhalten der jugendlichen (und ausnahmslos gutaussehenden) Protagonisten, das den Zuschauer des öfteren heftig schlucken lassen wird.

Überlebenskampf und schöne Menschen

Ähnlich wie beim offensichtlichen Vorbild „The Hunger Games“ (wie diese Filmreihe basiert auch „The 100“ auf einer Jugendroman-Trilogie) werden hier junge Menschen gezwungen, ihre Menschlichkeit auf dem Altar des Überlebens zu opfern, wobei der Druck in „The 100“ nicht durch ein sadistisches Regime, sondern durch eine lebensfeindliche Umgebung ausgeübt wird. Die titelgebenden Hundert sind hundert Jugendliche, die einst mit ihren Mitmenschen auf einer Raumstation namens „The Ark“ lebten, die 97 Jahre nach einem nuklearen Holocaust die Erde umrundet.

Aufgrund der Knappheit der Ressourcen wurden dort auch kleinste Vergehen hart geahndet, und jeder der Hundert hat sich etwas zuschulden kommen lassen. In einem Akt der Verzweiflung wurde die Gruppe auf eine Selbstmordmission zur verstrahlten Erde geschickt. Die Hoffnung, dass sie dort überleben könnten, war gering, doch hätten wir es wohl mit einer verdammt kurzen Serie zu tun gehabt, wenn es den Hundert nicht doch gelungen wäre. Wobei der Name der Serie natürlich schon nach Minuten nur noch eine Lüge ist, denn das Überleben ist kein einfaches und Schwache wie Starke fallen dem Kampf darum zum Opfer.

In der zweiten Staffel ist die Gruppe bereits ordentlich geschrumpft, doch sorgen neue Akteure dafür, dass das Personalkarussel sich zuverlässig weiterdreht. Im Mittelpunkt der Staffel stehen die Bewohner von Mount Weather, einer riesigen, sich selbst versorgenden Bunkeranlage, die ein Überleben auch nach dem Nuklearkrieg möglich gemacht hat. Das Zusammentreffen mit den Hundert eröffnet nun neue Möglichkeiten, doch sehr schnell auch jede Menge Gefahren, die um so drohender sind, da die Konflikte mit den Gegnern der ersten Staffel, den sogenannten Groundern, längst noch nicht ausgestanden sind. Bald schon schlägt Hoffnung in Misstrauen um, Allianzen werden geschmiedet und zerbrechen wieder, und am Ende der Staffel steht schließlich eine Entscheidung, die schon beinahe unfassbar genannt werden muss, welche die Konsequenz, mit der „The 100“ sein gnadenloses Szenario etabliert, aber auch nachdrücklich unter Beweis stellt. Mutig, doch zurecht durchaus kontrovers aufgenommen von Fans und Kritik.

Nur bedingt realistisch

Ähnlich wie bei den „Hunger Games“ sollte man sich auch „The 100“ nicht mit der Erwartung nähern, eine bis ins Detail plausible und realistische Science-Fiction-Story zu sehen zu bekommen. Stattdessen nimmt die Serie ihre Zuschauer mit auf einen Trip im Turbogang, der trotz der Absurdität manches Twists emotional ordentlich durchschüttelt, der seinen sich auf beeindruckende Weise entwickelnden Charakteren viel zumutet und damit eine Spannung und grimmige Dramatik aufbaut, die man einer Serie des „The Vampire Diaries“-Senders The CW wahrlich nicht zugetraut hätte. Ebenfalls erwähnens- und lobenswert ist der offensichtliche Wille der Macher dieser Serie, den Protagonisten keine Fesseln über Geschlecht, Sexualität oder Ethnie anzulegen. Wenn in „The 100“ gekämpft und getötet wird, halten sich die Frauen dabei keinesfalls zurück, wenn geliebt wird, und gelegentlich geschieht das schon, dann wird erfreulich frei geliebt, zumindest solange, bis es Zeit für das nächste Massaker ist. Progressive Wertevermittlung mal etwas anders.

Schön wäre es noch gewesen, im Bonusmaterial des Blu-ray-Sets einige erhellende Statements zu Intention und Vorgehen der Serienmacher vorzufinden. Leider beschränken sich die Extras zu den Hintergründen auf eine werbelastige Kurzdoku, in der vornehmlich Story und Charaktere vorgestellt werden, in der sich aber immerhin auch einige wenige interessante Aussagen finden lassen. Dazu gesellen sich gelöschte Szenen, ein kurzes Stunt-Feature und ein ebenso kurzes Gag-Reel. Enttäuschend! Alles andere als enttäuschend ist jedoch der Umstand, dass es die zweite Staffel im Gegensatz zur ersten hierzulande überhaupt auf Blu-ray geschafft hat, denn „The 100“ wartet mit Schauwerten auf, die unbedingt nach HD schreien. Von den satten Waldimpressionen über die Darstellung der stimmigen Sets bis zu den detaillierten CGI profitiert die Optik von der hohen Auflösung. Während das Auge sich an den kinotauglichen Bildern erfreut, gibt es auch im akustischen Bereich keinen Grund zur Klage, auch wenn der Soundmix natürlich die Qualität von Big-Budget-Filmen á la „Transformers“ dann doch verfehlt, an welche Musik und Soundeffekte von „The 100“ immer wieder erinnern.

Autor: Martin Gleitsmann

 

 

Review: The 100 (2. Staffel)
Mehr als nur ein „Hunger Games“-Abklatsch fürs Kartoffelkino, sondern ein zwar reißerisches, aber ungemein fesselndes dystopisches Überlebensabenteuer mit tollen Charakteren.
Film8
Bild9
Ton8
Extras4
7.3Gesamtwertung

Bildquellen:

  • The 100: © Warner Home

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