Wie drei Planeten kreisen Gene (Gabriel Byrne), Jonah (Jesse Eisenberg) und Conrad (Devin Druid) fortwährend um Isabelle (Isabelle Huppert), die durch ihre anspruchsvolle Arbeit als Kriegsfotografin zwar oft und lange auf Reisen ist, gleichsam der Sonne aber für jeden der drei Männer einen wärmenden Mittelpunkt bildet.

Als Ehefrau und Mutter hält sie das Familienkonstrukt zusammen, ist gleichzeitig Fixstern und Vorbild. Ihre Fotografien zeigen den Krieg in all seinen Facetten. Verstümmelte Menschen, Frauen in Burkas, Familien, die ihre Kinder begraben müssen.

Große Tageszeitungen drucken ihre Bilder ab und die Anerkennung der westlichen Welt ist ihr gewiss, doch niemand scheint zu ahnen, dass ein Schatten auf Isabelles Seele liegt. Drei Jahre nach ihrem tödlichen Autounfall beginnt „Louder Than Bombs“ und katapultiert den Zuschauer in eine Art Familienalbum. Ehemann Gene, sowie die beiden Söhne Jonah und Conrad, alle jeweils aus ihren Umlaufbahnen gerissen, kreisen nur noch um sich selbst und suchen verzweifelt nach einem neuen Zusammenhalt.

Das Recht auf Wahrheit

Eine große Retrospektive zum Leben und Werk von Isabelle Reed soll in nur wenigen Wochen eröffnen. Die Vorbereitungen zur Kunstausstellung lösen in den Hinterbliebenen Erinnerungen, Gedanken und Gefühle aus, denen sie sich lange nicht gestellt haben. Richard (David Strathairn), ein ehemaliger Arbeitskollege von Isabelle, kündigt dem Familienvater außerdem an, einen Artikel über die wahren Umstände des Unfalltods schreiben zu wollen.
Gene und Jonah sind sich einig, dass die „Wahrheit“ wie eine Bombe in Conrads Traumwelt einschlagen und das Bild seiner Mutter massiv erschüttern würde. Doch während Gene immer wieder vergebens das klärende Gespräch mit seinem introvertierten Sohn sucht, schützt Jonah ihn weiterhin mit Lügen und bildet mit dem kleinen Bruder eine Allianz gegen den Vater.

Bewusstseinsströme

„Die Zeit stand still“, rezitiert eine Mitschülerin von Conrad im Unterricht. „Was mochte sie gedacht haben? Was ging ihr durch den Kopf, als ihr klar wurde, dass der Unfall unvermeidlich war?“. Für den Teenager Conrad greift Regisseur Joachim Trier auf das literarische Stilmittel des Bewusstseinsstroms („stream of consciousness“) zurück. Scheinbar lose verknüpfte Assoziationen, Gedanken und Emotionen erzählt der Protagonist wie in einem Roman aus der Ich-Perspektive während darüber Youtube-Videos, Fernsehmaterial, Schwarz-Weiß-Fotos oder surreale Filmsequenzen laufen.

Diese poetische Bildsprache lässt den Zuschauer direkt in Conrads Innenwelt eintauchen und macht ihn damit auch zum heimlichen Helden des Films. Aber nicht nur er, sondern auch die anderen Familienmitglieder kommen in „Louder Than Bombs“ zu Wort. Immer wieder wird der Hauptplot durch Erinnerungsfetzen, Traumsequenzen und innere Monologe durchbrochen. Wie in einer Ausstellung oder eben einem Fotoalbum fügen sich die Puzzleteile langsam zu einem Ganzen zusammen, und der Heilungsprozess der Protagonisten kann durch die Perspektivwechsel spürbar nachempfunden werden. Dies wird auch durch die Farbauswahl und die grobkörnigen Fernsehaufnahmen unterstützt. Wer etwas Zeit und Geduld mitbringt, wird in „Louder Than Bombs“ ein sehenswertes stilles Psychodrama entdecken, das auch gut ohne große Szenerie oder aufwendige Effekte auskommt. Die Ausstattung der Blu-ray in nur mäßiger Tonqualität – Trauer ist offensichtlich ein eher geräuscharmes Thema – und mit viel zu kurzem Making-of fällt dafür allerdings leider etwas dürftig aus.

Autor: Stefanie Binder

 

 

Review: Louder Than Bombs
Nachdenkliches Kino, das authentisch die Verarbeitung von Trauer aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Der Fokus liegt dabei eindeutig auf der Psychologie der Charaktere.
Film8
Bild8
Ton6.5
Extras3
6.4Gesamtwertung

Bildquellen:

  • Louder than Bombs: © Alive/MFA Films

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