Wie jetzt?! Keine Zubereitung eines Fleischgerichtes mehr im Prolog? Stattdessen ästhetische Nahaufnahmen von wallendem Champagner und schleimigen Austern? Natürlich!

Hannibal Lecters (Mads Mikkelsen) prunkvolles, neues Leben sieht gar nicht vor, dass er regelmäßig selbst das Essen zubereitet. Stattdessen treibt er sich auf Empfängen herum, tanzt mit seiner Frau, Bedelia (Gillian Anderson) und mordet nur noch gelegentlich, um in der wissenschaftlichen Rangordnung nach oben zu gelangen. Ein Leben wie ein Gott in Italien – das ist das „Märchen“, das die erste Episode der Staffel erzählt. Es ist das Leben, was sich dieser intellektuelle Kannibale schon immer gewünscht hat. Ein Leben in Freiheit, in dem er offen ermorden und verspeisen kann, wen er will. Doch auch den kulinarischen Lastern frönt er weiter, was in diversen Rückblenden um so deutlicher wird.

Bon Soir!

Ein bein-amputierter Mann sitzt in einem Rollstuhl an einem prunkvoll gedeckten Tisch. Ihn umgibt ein glamouröser Raum voller Stuck, Holzvertäfelungen und Gold, wie man es in einem Palast erwarten würde. Galant serviert ihm ein Ober ein längliches Stück Fleisch auf einem Silbertablett und übergießt es mit einer dunklen Sauce. Das Fleisch erscheint schmackhaft und lässt dem Zuschauer das Wasser im Munde zusammenlaufen … bis er die Wahrheit erfährt. Der bediente Mann rückt seine Serviette zurecht, hebt Messer und Gabel und betrachtet genussvoll ein kleines, abgeschnittenes Stück Fleisch. „Sie sind ein Teufel, Hannibal“ ist sein erster Satz zum vermeintlichen Kellner, bevor er die Gabel angewidert senkt. „Sie haben mich mit Thymian angereichert. Schmeckt jeder Mensch unterschiedlich?“ Hannibal bejaht kauend, als er sein gemeinsames Festmal mit Dr. Abel Gideon (Eddie Izzard) beginnt.

Sie haben einen guten Fleischer!

Das Schockierende aber auch Faszinierende an den immer weiter fortschreitenden Schwarz-Weiß-Rückblenden mit Dr. Gideon ist, dass dieser seine teuflische Situation, nach und nach gegessen zu werden, gelassen hinnimmt und einen intellektuellen Disput mit ihm beginnt. Er hinterlässt seine Spuren in der angeschlagenen Psyche seines Mörders, was sich immens auf den Rest der Staffel auswirken wird. In einer weiteren Sequenz erfahren wir, dass Hannibal seine Opfer vor ihrer Schlachtung mit bestimmten Lebensmitteln füttert, die ihr Fleisch aromatischer werden lassen sollen. 

Andersherum füttert er aber auch Schnecken mit Gideons Arm, um diesen einen markanten Geschmack zu erzeugen, den er so liebt. Auch dieser Fakt des indirekten Kannibalismus wird später noch eine Schlüsselrolle spielen. Im Kontrast hierzu steht die kulturelle Schönheit von Florenz, die von der Kamera immer wieder genüsslich eingefangen und perspektivisch anspruchsvoll in Szene gesetzt wird. Kamera-Einstellungen und Stimmung wirken daher so zauberhaft wie in „Der talentierte Mr. Ripley“. Doch irgendwann einmal hat jedes Märchen ein Ende, weshalb es Lector wieder ins alte Jagdrevier zieht. Es ist die Langeweile, die ihn zurück kehren lässt. Währenddessen erwacht der talentierte Profiler Will Graham (Hugh Dancy) in einem Krankenhaus-Bett. Seine Schnittwunde wurde verarztet und er ist wieder Teil des Spieles.

Natürlich steht die Frage im Raum, wie die inzwischen auf geistiger Ebene recht intime Beziehung zu Hannibal nun weiter intensiviert werden kann, jetzt, da klar ist, wer für all diese Morde verantwortlich ist? Wie kann sich die Serie überhaupt noch weiter entwickeln? Dieses Problem löst Serien-Schöpfer und Drehbuchautor Bryan Fuller („Dead Like Me –So gut wie tot“, „Pushing Daisies“), indem er sich des gleichen Stilmittels bedient, das auch schon im Mittelalter in einigen Artus-Romanen benutzt wurde: Er hebt den Helden auf eine gottgleiche Ebene, die so hoch ist, dass er der Geschichte entschwindet und eher aus dem Hintergrund agiert. Sieben Episoden lang befindet sich Hannibal auf der Flucht. Danach beginnt sein Leben in Gefangenschaft, so, wie wir es aus den meisten Thomas-Harris-Romanen kennen. An die Stelle des ausführenden Serien-Täters tritt nun jemand anderes, den die Fans der Bücher und Verfilmungen nur allzu gut kennen: Red Dragon – Der rote Drache.

Wer den Teufel hält …

„Der Hobbit“-Star Richard Armitage spielt den psychopathisch veranlagten Francis Dollarhyde, der es vorrangig auf Familien abgesehen hat und von seiner mörderischen riebhaftigkeit übermannt ein Leben in Einsamkeit führt. Inzwischen sind drei Jahre seit Lecters Verhaftung vergangen. Will Graham ist verheiratet und wird von Jack erneut auf einen Serienkiller angesetzt. Ihm entspringt die Idee, Hannibal Lecter bezüglich der Ermittlungen zu konsultieren. Dieser kann sich immerhin in die Welt und Wahrnehmung eines Triebtäters versetzen und somit entscheidend zur Aufklärung beitragen. Doch wie wir alle wissen, liebt es Hannibal, perfide Spiele zu spielen – so behält er selbst hinter den undurchdringlichen Glas-Wänden seines Gefängnisses die Oberhand über die Menschen seiner Umgebung.

… sollte ihn gut festhalten

Auch in der dritten Staffel beweist Bryan Fuller, dass er es versteht, die Serie zu einem hochgradigen Genuss werden zu lassen. Hinter der ernsten und hochspannenden Thriller-Handlung verbirgt sich nämlich immer auch ein rabenschwarzer Humor, der oftmals die Fassade des Glamours und der hochgestochenen Worte benutzt, um es mit dem Animalischen zu kontrastieren. Die Kaltblütigkeit des Teufels in Person und die hohe Intelligenz, mit der er sein kannibalistisches Leben unter dem Deckmantel der gehobenen Gesellschaft führt, hat in noch keinem Film so viel Faszination geweckt, wie in dieser Serie. Dies lässt sich insbesondere auch an der Regie erkennen.

Beispielsweise erstellt Vincenzo Natalie in der ersten Episode eine Kollage aus empfindsamen Stadt-Bildern, fremdartigen Nahaufnahmen und ästhetischen Zeitlupen, dass man sich eines echten Stanley Kubricks gegenüber glaubt. Wie in „Shining“ bricht in der zweiten Episode ein Meer aus Blut über Will zusammen. Diese Vermengungen zwischen Kunstfilm, klassischer Film-Noir- und Thriller-Stimmung sowie intensiver Charakter-Entwicklung hat es bislang in noch keinem Medium auf diese Weise gegeben. Es ist eine Freude auf jeder Ebene, die in der Vorfreude auf den „Das Schweigen der Lämmer“-Part gipfelt.

Schweigen die Lämmer?

Die Technik ist wie in den Vorgänger-Staffeln durchwachsen. Es gibt wieder die gleiche Kontrast-Schwäche, die auf einen mittelmäßigen Schwarzwert zurück zu führen ist. Stilisierte, düstere Farben, eine gewisse Unschärfe (die den klassischen Kinolook erzeugt) sowie ein geringes Rauschen führen beim Bild zum Punktabzug. Die Musik und generellen Audio-Klänge wirken teils hypnotisierend, teils verstörend. Durch die unterschwelligen Frequenzen wird zudem eine bedrückende Atmosphäre geschaffen, die einen nie vergessen lassen, welch eine riesige Bedrohung der faszinierende Antagonist der Serie ist. Auf diese Weise wird aus einem harmlosen Dinner zwischen Lecter und Bedelia eine Gänsehaut-schürende, unheimliche Horror-Sequenz, in der sich die Psychologin fragen sollte, warum sie seit Tagen immer nur Austern vorgesetzt bekommt …

 

 

Review: Hannibal (3. Staffel)
Hätte Stanley Kubrick wohl je eine Serie gemacht, dann würde sie definitiv so aussehen. Ein inhaltliches und ästhetisches Meisterwerk! Bon appetit!
Film10
Bild6
Ton7.5
Extras8.5
8Gesamtwertung

Bildquellen:

  • Hannibal (3. Staffel): © Studiocanal