Seit Antoine de Saint-Exupéry die Erzählung „Der kleine Prinz“ im Jahre 1943 herausbrachte, ist sie Teil desjenigen Kulturgutes, das einfach jeder kennt. Dementsprechend behutsam gingen Regisseur Mark Osborne und die Drehbuch-Schreiber Irena Brignull und Bob Persichetti mit der filmischen Umsetzung der Geschichte um.

Als der Autor und Pilot Saint-Exupéry in den 1940ern seine wohl bekannteste Geschichte veröffentlichte, tobte in Europa der Zweite Weltkrieg. Frankreich wurde von den Deutschen besetzt und er selbst musste seine Frau zurücklassen, während er in die USA nach New York floh. Der Krieg, die zurückgelassene Ehefrau, die Zensur des Pétain-Regimes und auch seine soziale Umgebung  übten einen ungeheuren Druck auf ihn aus, was er vermutlich in den surrealen Abenteuern des kleinen Prinzen verarbeitete. Daher steckt so viel in dieser kleinen Geschichte, die ganze Gefühlswelten in symbolische Bilder verpackt und auf diese Weise lyrische Züge annimmt:

Ein Pilot (eindeutig Saint-Exupéry selbst) strandet in einer Wüste und trifft dort auf einen kleinen Jungen, der von einem Asteroiden stammt. Es ist der kleine Prinz, der auf der Suche nach der Zeichnung eines Schafes ist. Bereits im Prolog befindet sich der Schlüssel zum gesamten Werk, als der Erzähler dem Betrachter klar macht, dass er die Chiffre der kindlichen Abstraktion nutzen wird, die von Erwachsenen nicht erkannt wird, da sie ihre Fantasie verloren haben. Und so nutzt er Bilder wie den kleinen Prinzen für die verlorene Kindheit und zeigt damit etwas, was sich eigentlich gar nicht abbilden lässt, weil es unsichtbar ist – eben wie das Schaf in der Box oder der Elefant in der Schlange.

Das Kunstmärchen erhält dadurch eine traumhafte Qualität, in der der Prinz von seinen Reisen erzählt zu den Planeten des Königs, des Eitlen, des Geschäftsmannes, des arbeitenden Laternenanzünders und des Geografen, der ihn zur Erde weiter verweist. Der Grund des Prinzen, seinen Asteroiden und seine geliebte Rose (Exupérys Frau) zu verlassen, erscheint zunächst wie eine Entfremdung zwischen zwei Eheleuten – doch es steckt mehr dahinter, was auch in den drei Affenbrotbäumen symbolisiert wird, die den zu kleinen Himmelskörper zu erdrücken drohen und die von vielen als die drei Achsenmächte interpretiert werden.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ verrät der Fuchs dem Prinzen im Rosengarten, wobei auch hier das Rot, die Rosen und das liebevolle Verhältnis an die verlorene Liebe erinnert. Nach dem Fund eines lebensrettenden Brunnens beendet der Prinz seine Geschichte, die er die ganze Zeit über dem Piloten erzählt hat und verlässt ihn, um sich von einer Giftschlange beißen zu lassen und auf diese Weise zu seiner Geliebten zurück kehren zu lassen, denn kein noch so großer Rosengarten kann jene eine Frau ersetzen, die im eigenen Herzen schlummert.

Bis auf ein paar sehr kleine Änderungen (Weglassungen von weiteren Planeten) bleibt die filmische Umsetzung dem Original treu und adelt es sogar mit atemberaubend schönen Stop-Motion-Animationen, die übergangsweise mit Papier- und dann mit Holzfiguren verwirklicht wurden. Nun würde das für einen Kinofilm ein ziemlich kurzes und auch unglaublich komplexes Vergnügen sein, weshalb sich die Produzenten und Filmemacher etwas sehr schlaues haben einfallen lassen. Um das Hauptwerk zu schützen, umwoben sie es mit einer computeranimierten Rahmenhandlung, die vor allem einen Aspekt des Meisterwerkes hervorhebt:

Den Appell an das kindliche Herz in uns. Der Rahmen bildet das klare Kontrast-Programm zum Zauberhaften und zeigt eine zu einer Maschinerie verkommene, graue Erwachsenenwelt, in der alles Kindliche vernachlässigt und nur das gefördert wird, was den Menschen zum funktionierenden Zahnrad der Wirtschaft macht. Mittendrin befindet sich ein kleines Mädchen, dessen  Mutter es unbedingt auf die Werth-Akademie bringen will.

Plädoyer für die Menschlichkeit

Aus diesem Grund ziehen sie ganz in die Nähe der Ausbildungsstätte in eine günstige Behausung, deren Nachbar offenbar keinen Sinn für Symmetrie hat. Dieser entpuppt sich als alter Kauz, der in seiner eigenen Fantasie-Welt voller Klimbim und Schrott lebt. In seinem Garten steht ein altes, kaputtes Flugzeug, das er wieder zum Laufen bringen möchte. Ähnlich wie Saint-Exupéry hat auch der alte Pilot seine Schwierigkeiten, mit der Nachbarschaft warm zu werden. Da kommt ihm das Nachbars-Mädchen gerade recht, denn endlich hat er jemanden, dem er seine Geschichte über das Treffen mit dem kleinen Prinzen erzählen kann.

Blöd nur dass der akribisch durchdachte „Lebensplan“  der Mutter dem Kind keine Zeit lässt, Freunde zu finden. Doch irgendwie finden sich die beiden doch und die Geschichte beschäftigt fortan die Fantasie des Mädchens. Als der Alte mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus landet, begibt sich das Mädchen auf eine abenteuerliche Odyssee, die sie bis zum jungen Herrn Prinz führen soll. Die Begegnungen auf ihrer Reise sind eng an die Geschichte des kleinen Prinzen angelehnt und werden sie für immer prägen.

Dabei spielt es keine Rolle, was Realität und was Fantasie ist, da es hierbei von Anfang an um die Menschlichkeit selbst und nicht um Gegenstände oder Personen ging. Auf diese Weise erhält der Zuschauer eine wunderbare Verfilmung eines Stoffes, den er vielleicht zuletzt in seiner Kindheit gelesen und schon fast wieder vergessen hatte. Natürlich gibt es auch noch zahlreiche weitere Verfilmungen, Animationsserien usw. wobei es diese aber erstmals wirklich schafft, einen Spannungsbogen zu schlagen, ohne das Original zu verraten. Und am Ende gibt es wieder ein Flugzeug, das wie Exupéry selbst in der Ferne verschwindet und nur noch in den Erinnerungen weiter existiert.

Review: Der kleine Prinz 3D
Ein zeitloser, lyrischer Klassiker, der mit dieser Verfilmung eine weitere Ehrung erhalten hat und noch weiter im kollektiven Gedächtnis verankert wurde.
Film10
Bild8
Ton4
Extras4.5
6.6Gesamtwertung

Bildquellen:

  • Der kleine Prinz 3D: © Warner Bros.