Wenn Neill Blomkamp die Regie eines Films übernahm, handelte es sich bis jetzt immer um frische, unverbrauchte Science-Fiction-Szenarien, die irgendwie anders waren, als alles bisher Gesehene. "Chappie" wirkt zwar wie "Nummer 5 lebt" und "Robocop" in einem Topf, erhält aber seine Authentizität und Skurrilität durch das krass gestylte, südafrikanische Rap-Rave-Ehepaar Anri du Toit (alias Yo-Landi) und Watkin Tudor Jones (alias Ninja), die zusammen mit DJ Hi-Tek die Band "Die Antwoord" bilden.

Krasse Frisuren, krasser Art-Style, krasse Musik und krasse Sozialkritik – das ist „Die Antwoord“, ein Pärchen, das auf der Bühne ebenjene trashige „Zef“-Kultur zelebriert, die auch in einigen Neill-Blomkamp-Filmen zu finden ist, insbesondere in dem vorliegenden „Chappie“. Und obwohl Blomkamp inzwischen schon wesentlich mainstreamiger geworden ist, als in seinem phänomenalen „District 9“, entwickelt er seinen eigenen „Zef“-Stil kontinuierlich weiter.

So beginnt „Chappie“ mit den von „District 9“ gewohnten Einblendungen, authentischer Nachrichten- und Doku-Schnipsel, die die Entwicklung von Polizei-Robotern und deren Einführung in das Südafrikanische Polizeisystem in einer kurzen Collage wiedergeben. Anders als bei „Robocop“ geht es in diesem Film also schon gar nicht mehr um die Frage, wie ein Gesellschaftssystem mit Robotern in der juristischen exekutive aussehen könnte.

Vielmehr geht Blomkamp mit seinem Sozial-Experiment noch einen Schritt weiter und fragt, wie so viele Science-Fiction-Autoren und -Filmemacher zuvor, nach der Grenze bzw. dem Unterschied zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz. Wo hört die Maschine auf und wo beginnt der Mensch? Ab wann ist eine Maschine ein fühlendes Lebewesen? Was macht überhaupt einen Menschen aus?

Brutaler Einstieg

Doch bevor er sich diesen hochphilosophischen Fragen stellt, führt Blomkamp den Zuschauer zunächst in die raue Welt der zukünftigen Johannesburg-Slums ein, in denen sich die beiden Schmalspur-Gangster Ninja und Yolandi (Auftritt „Die Antwoord“) durch ihr Leben ballern. Offenbar ist gerade ein mächtiger Drogendeal geplatzt, weshalb der Drogenbaron Hippo (Brandon Auret) Goldzähne bleckend wütend mit seinen Rasterzöpfen wedelt und mir nichts, dir nichts den ersten Komparsen niedermäht, der gerade einmal einen Einzeiler von sich geben durfte.

Damit die ohnehin schon sehr spannende Situation in chaotische Action umkippt, gesellen sich auch noch ein paar Polizei-Androiden hinzu, begleitet von menschlichen Polizisten. Mitten in dem Feuergefecht wird, wie schon mehrere Male zuvor, Scout 22 demoliert und in die Werkstatt geschickt. Allerdings hat ihn der heftige Raketeneinschlag dermaßen ramponiert, dass er für die Schrottpresse vorbereitet wird. Währenddessen verarzten Ninja und Yolandi ihren verletzten Partner Amerika (Jose Pablo Cantillo) in ihrem Graffiti-überladenen Geheimversteck.

Leider kennt Hippo die Adresse der drei und droht mit ihrem qualvollen Tot, wenn sie nicht innerhalb einer Woche 22 Millionen US-Dollar zahlen, um sich freizukaufen. Während Ninja eher eine drastische Lösung mit purer Waffengewalt sieht, wirft Yolandi die Idee ein, sich die „Fernbedienung“ zu den Polizei-Androiden zu besorgen, um bei ihrem kommenden Banküberfall eine bessere Chance zu haben. Und so nimmt das Drama seinen Lauf.

Ursprünge

Die erste Idee zu „Chappie“ kam Blomkamp bereits während seiner Ausbildung zum Computervisualisten, als er einen Werbeclip zu einem fiktiven Rüstungsunternehmen erstellte, das sich auf Polizei-Roboter spezialisierte. Diesen Gedanken griff er nach seiner Arbeit an „Elysium“ wieder auf und entwickelte daraus das Drehbuch für einen abendfüllenden Film. Was wäre, wenn es das Rüstungsunternehmen Tetra Vaal tatsächlich gäbe und ein Ingenieur namens Deon Wilson (Dev Patel) mit einer echten künstlichen Intelligenz experimentierte?

Für die Rolle des Computer-Nerds kam eigentlich nur Dev Patel in Frage, der zum einen das Klischee des indischen Programmier-Genies bedient und zum anderen nach seinen Rollen in „Slumdog Millionär“ (2008), „Best Exotic Marigold Hotel“ und „Newsroom“ die uneingeschränkte Sympathie der Zuschauer genießt. Angetrieben vom anthropologischen Forscherinstinkt nutzt Wilson seine private Freizeit, um nächtelang an der KI zu basteln, bis es ihm schlussendlich gelingt. Der Tetra-Vaal-Chefin Michelle Bradley (Sigourney Weaver) ist ein Roboter, der Kunst bewerten kann, herzlich egal, weshalb sie Deon den Praxistest untersagt.

Vom Ehrgeiz gepackt lässt der ambitionierte Programmierer dies nicht auf sich sitzen und beschließt kurzerhand, den lädierten Scout 22 mit nach Hause zu nehmen, um den Test an ihm auszuprobieren. Womit er nicht gerechnet hat, sind Ninja und Yolandi, die Nerd und Robo in ihr Versteck verschleppen und die „Fernbedienung“ fordern. Als einzigen Ausweg sieht Wilson die Reparatur der Maschine, die sich nach ihrer Aktivierung und dank der neuen KI wie ein Kleinkind verhält. Hinter den Bewegungen steht niemand geringeres als Blomkamps Kumpel und Stammdarsteller Sharlto Copley, der dem Androiden mittels Motion Capturing eine eigene Persönlichkeit gibt.

Ob locker-lässiger Gangster-Style, wütender Soldat oder schüchternes Kleinkind – Chappies Bewegungen zeigen echte Emotionen – was angesichts der Metallteile, aus dem der Protagonist besteht wie ein absurder Widerspruch wirkt. Wenn das mechanische Wesen von einem Molotov-Cocktail in Brand gesetzt wird und voller Panik mit abgesenkten Ohren und gebeugter Haltung vor seinen Übeltätern flieht, spürt selbst der kühlste Zuschauer, welche Ungerechtigkeit diesem unschuldigen Wesen gerade widerfahren ist.

Gefährliche Welt

Der fiese Hippo ist zwar ein brandgefährlicher Typ, aber gegen die Niedertracht des frustrierten Vincent Moore (Hugh Jackman mit 80er-Jahre Vokuhila) sieht auch der, wie ein Unschuldslamm aus. Moore, seines Zeichens Konstrukteur des „The Moose“ Mecha-Anzugs (Filmfans erkennen hier den ED-209 aus „Robocop“ wieder) ist eifersüchtig auf den Erfolg, den Wilsons Androiden haben, während seine riesige Konstruktion mit Waffen, die selbst Flugzeuge vom Himmel holen können, nur müde belächelt wird: Zu hohe Kosten, zu hohe Durchschlagskraft für den zivilen Bereich.

Hier wird also der glatte Gegenentwurf zu „Robocop“ getätigt, wo die Menschen eher den unbemannten Androiden vertrauen, als den bemannten Riesen-Mechas. Und Moore ist leider auch kein allzu vielschichtiger Bösewicht, weshalb die Rolle auch an jeden anderen hätte vergeben werden können. Am Ende holt er noch zu einer überlangen Gewalt-Orgie aus, die an dieser Stelle wie ein kompletter Fremdkörper anmutet, der gerade die unschuldige Struktur einer Komödie zerstört und einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt.

Ghetto-Kid

Während Ninja eine Art Vorzeige-Gangster-Vater ist, der seinem „Sohn“ schnellstmöglich das Schießen beibringen möchte, verhält sich Yolandi wie eine echte Mutter, die ihrem Kind alle Möglichkeiten offen halten möchte und es in seinen Interessen fördert. Schrägere Eltern kann ein Kind wohl kaum haben. Aber wie bereits zu Anfang erwähnt, ist diese Phase des Films, also die „Menschwerdung“ der KI im Prinzip die interessanteste, während der explosive Action-Rahmen vielleicht ein bisschen zu viel des Guten ist. Der innere Kampf zwischen der mütterlichen Fürsorge und der väterlichen Gewalt sowie der weiblichen Natürlichkeit und der männlichen Kultur hätte kaum besser und kunstvoller dargestellt werden können, als hier.

Solch herrlich schräge Charaktere, die mit echten Waffen hantieren, als seien es Wasserspritzpistolen und fern aller westlich-zivilisierten Logik agieren und zugleich Gefühle liebender Eltern für eine Maschine entwickeln, gibt es selten. Dementsprechend geht der Zuschauer auch mit gemischten Gefühlen aus dem Film heraus, die sich im Nachhinein zu einer bittersüßen Erinnerung zusammensetzen.

Technisch brillant

Die Technik der Blu-ray ist mal wieder allererste Güte, allen Voran der monumentale Soundtrack Hans Zimmers, dessen kräftiger Bass eine unruhige „The Dark Knight“-ähnliche Atmosphäre erschafft. Und dessen elektrisierenden, industriellen Klänge die Herzenskälte und Emotionslosigkeit der Massenproduktion widerspiegeln. Die Surround-Lautsprecher bekommen permanent etwas zu tun, meistens aber mit unerwartet zurückhaltenden Effekten wie beispielsweise zirpenden Grillen.

Wer eine 7.1-Anlage zuhause stehen hat, für den lohnt es sich auch einmal in die englische Originaltonspur hineinzuhören, die für acht Kanäle abgemischt wurde. Die genannten Tonspuren liegen übrigens auch in Lossless-Qualität vor, weshalb Nachbar-lose Heimkino-Besitzer auch ruhig einmal ein bisschen lauter stellen dürfen, um die volle, explosive Brachialität der actionreichen Audio-Abmischung genießen zu können.

Das Bild lässt sich als überdurchschnittlich gut bezeichnen, wobei der visuelle Stil von Anfang bis Ende auf eine authentisch-dokumentarische Art abzielt. Hier und da gibt es Überbelichtungen zu entdecken, gelegentlich leichte Unschärfen und die Farb-Texturen sind dementsprechend auch auf einen abgenutzten, entsättigten Teint getrimmt.
Von den Extras können wir das Alternative Ende (5 Min.) empfehlen, ein „Happy End“ der etwas anderen Art. Neben einer erweiterten Szene (1,5 Min.) gibt es auch noch eine sehr ausführliche und wirklich geniale Dokumentation über den Film zu sehen (79 Min.), die von einer prall gefüllten Artwork-Galerie begleitet wird.

 

 

Review: Chappie
Superunterhaltsam erzählt "Chappie" den Pinocchio auf moderne Art. Schade, dass er sich so schnell entwickeln muss. In Serie wäre Chappies Charakterentwicklung sicherlich nuancierter geworden.
Film7.5
Bild8.5
Ton9.5
Extras8
8.4Gesamtwertung

Bildquellen:

  • Chappie: © Sony Pictures