Als Immigrant hat Ang Lee eine Vorliebe für Außenseiterfiguren. Mit Leichtigkeit fühlt er sich in Menschen ein, die nicht in gewohnte Muster passen, keine festen kulturellen Wurzeln haben und trotzdem an bestimmten Vorstellungen festhalten. Sein Drang, aus Konventionen auszubrechen, führt zu einem spielerischen Umgang mit Genres.

Dass der junge Ang Lee die Aufnahme an der taiwanesischen Eliteuniversität nicht schaffte, enttäuschte seinen Vater, der sich eine akademische Karriere für ihn vorstellte, wohl mehr als ihn selbst. Ihre klare und beständige Beziehung thematisiert Regie-Ikone Ang Lee sehr oft in seinen Filmen. Seine Eltern flüchteten aus dem kommunistischen China nach Taiwan. Beide Großeltern hatten zuvor während des Bürgerkrieges ihr Leben verloren. Aufgrund dieser Erfahrungen und angesichts der Stellung des Familienoberhauptes als Schuldirektor, war die Unterhaltungsbranche nicht sehr erstrebenswert. Nachdem es an der Elite Uni nicht klappte, studierte Ang Lee zunächst an der Kunstakademie von Taipeh, wo er schon bald ein Interesse für die Schauspielerei entwickelte.

Ang Lees Dramaturgie, eine wenig geradlinige Erzählstruktur, die sich Zeit nimmt, die Charaktere und ihre Geschichten aus verschiedenen Blickwinkeln darzustellen, findet im Theater seinen Ursprung. Von der Universität in Illinois, die Ang Lee seit 1978 besuchte, wechselt er schließlich nach New York, um sich ganz dem Studium der Film- und Theaterproduktion zu widmen.

Er wirkt in Spike Lees Abschlussfilm mit, traut sich die Rolle des Regisseurs jedoch jahrelang nicht zu. Im Hintergrund wähnt er stets den strengen Vater, der es ihm schwer macht, sich den Berufswunsch einzugestehen. „Ich wollte ihn immer stolz machen. Ich fürchtete ihn. Ich hatte Angst, ihn zu enttäuschen. Das ist ein großer Teil meines Lebens.“, erzählt Ang Lee 2012 im ZEIT-Magazin.

Der Film führt Regie

Bei einem Pitch vor einem Produzententeam überzieht Ang Lee die branchenüblichen zehn Minuten auf über das Vierfache. Geduldig hört ihm James Schamus zu und merkt bei diesem Meeting im Frühjahr 1991, dass der Mann vor ihm nicht etwa die Geschichte zusammenfasst, sondern den Film in Bildern erzählt. „Es ist nicht so, dass ich die Augen schließe und Bilder sehe. Die Bilder finden mich. Ich werde zum Sklaven des Films.“, beschreibt der Regisseur seine Selbstaufgabe, „Der Film führt Regie, nicht ich.“ Die enge Zusammenarbeit mit James Schamus ließ fortan bisher 12 sehr erfolgreiche Filme entstehen, darunter „Tiger & Dragon“, „Brokeback Mountain“ und „Life of Pi“.

Culture-Clash & Familientraditionen

Die frühen Kinofilme von Ang Lee sind sehr von seinen taiwanesischen Wurzeln und dem Kultur- und Generationenkonflikt geprägt. Dadurch wirken sie ambitionierter als die späteren Erfolge, die oft dem Hollywood-Grundmuster verfallen. Ang Lees erster Langfilm „Pushing Hands“ erzählt von einem chinesischem Tai-Chi-Lehrer, der nach New York auswandert, um den Lebensabend mit seinem Sohn und dessen amerikanischer Frau zu verbringen.

Ang Lee etabliert darin seine vertraute, subtile Bildsprache, um den Konflikt der verschiedenen Kulturen auch auf Metaebene zu verdeutlichen. Ein Jahr später, 1993, schließt „Das Hochzeitsbankett“ an den Erfolg des Erstlings an. Sihung Lung, der bereits in „Pushing Hands“ das strenge, aber weise Oberhaupt mimt, verkörpert darin den Vater eines homosexuellen Exil-Taiwanesen. Da dieser seinen Lebensstil nicht den traditionsbewussten Eltern offenbaren will, inszeniert er eine turbulente Scheinhochzeit und verstrickt sich zusehends in seinen Lügen.

„Father Knows Best“

Nach den beiden Vater-Sohn-Geschichten steht im dritten Film die Beziehung zur Tochter im Mittelpunkt. Ang Lee tauft seine Trilogie „Father Knows Best“ (deutsch etwa „Papa ist der Beste“) und dreht diesmal in seiner Heimat Taiwan. Neben Sihung Lung als chinesisches Oberhaupt spielt in „Eat Drink Man Woman“ auch das gemeinsame traditionelle Essen wieder eine besondere Rolle.

Der Chefkoch und verwitwete Vater dreier Töchter bereitet jeden Sonntag das aufwendige Familienbankett zu und feiert mit seinen Messern, Töpfen und Pfannen eine Zeremonie in seiner Küche. Obwohl alle unter einem Dach leben, driften die Familienmitglieder auseinander und das sonntägliche Ritual verkommt zu einem notwendigen Übel. „Kein Bankett dauert ewig, genauso wie keine Beziehung. Alles wird sich verändern.“, zitiert Ang Lee dazu ein chinesisches Sprichwort und beschreibt das Grundthema des Films. Dass der Vater seinen Geschmacksinn verloren hat, ist ein geschickter dramaturgischer Griff, der wie so oft mehr bedeutet, als zunächst vermutet.

Das Familienoberhaupt Chu ist ein chinesischer Immigrant, wie Ang Lees eigener Vater. Während der 50-jährigen japanischen Herrschaft haben die Taiwanesen Essenstraditionen und Lebensweisen ihrer Besatzer übernommen. Der Verlust des Geschmacksinns bedeutet für den Vater also nicht nur das Ende seiner Karriere, sondern auch den Verlust seines chinesischen Heimatgefühls, welches so wichtig für sein Selbstverständnis ist. Seine Macho-Rolle ist dadurch hinfällig und er muss sich neu verorten.

Es sind die Alltagsbeobachtungen und die kleinen Gesten, die Ang Lees Filme so besonders machen. Obwohl seine taiwanesischen Figuren so fern von der eigenen Kultur sind, entwickelt man schnell Sympathie und folgt ganz fasziniert ihren Lebensgeschichten. Nach der Ang Lee Collection mit der gesamten „Father Knows Best“-Trilogie erscheinen „Eat Drink Man Woman“ und „Das Hochzeitsbankett“ in diesem Jahr noch einmal einzeln auf Blu-ray. Zeit also, die vielfältigen filmsprachlichen Mittel des Grenzen überschreitenden Regisseurs wieder zu entdecken.

Autor: Stefanie Binder

 

 

Review: Ang Lee Trilogie
Das Bankett als Essenz des Lebens. „Eat Drink Man Woman“ ist ein poetischer Film, in dem die Menschen eine faszinierende Symbiose mit ihren Köstlichkeiten bilden.
Film9.5
Bild8
Ton7
Extras8.5
8.3Gesamtwertung

Bildquellen:

  • Das Hochzeitsbankett: © Koch Media