Eine Familie. Eine Affäre. Eine junge Frau stirbt. Die mitschuldige Ehefrau wird gnadenlose Chronistin ihres Untergangs. Julian Roman Pölsler („Die Wand“) verfilmt mit „Wir töten Stella“ erneut einen Stoff der großen österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer. Der Film startet am 18. Januar in den deutschen Kinos.

Plakat zum Film: „Wir töten Stella“

Anna schreibt in ihr Tagebuch, dass sie allein sei. Das ist der erste Satz aus Marlen Haushofers Novelle „Wir töten Stella“ und er gilt für Annas ganze Existenz. Anna (Martina Gedeck) verfasst in zwei schlaflosen Tagen und Nächten eine Lebensbeichte. Was ist geschehen? Sie hat für zehn Monate die Studentin Stella (Mala Emde) bei sich und in ihrer Familie aufgenommen.

Aber die heile Welt von Anna, ihrem Mann, dem erfolgreichen Rechtsanwalt Richard (Matthias Brandt) und den gemeinsamen Kindern Anette (Alana Bierleutgeb) und Wolfgang (Julius Hagg) verträgt keine Eindringlinge, auch wenn die noble Villa in der Vorstadt ein Gästezimmer hat. Hier lebt man, wie es sich gehört in der Vorstadtgesellschaft: Anna obliegen die häuslichen Verpflichtungen, das Wohlergehen der Kinder. Richard gibt das Alphatier, verantwortet das Finanzelle, lebt sich aus, im Stillen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Geheiratet wurde, weil es sich so fügte, wegen der Liebe möglicherweise, sicher jedoch wegen der Schwangerschaft. 

Anna liebt ihren Sohn Wolfgang. Tochter Anette steht ihr weniger nahe, sie ist zu sehr nach dem Vater geraten. Stella, die zurückhaltende, ja schüchterne junge Frau, ist eine Störung, die das genau austarierte Familienkonstrukt aus den Fugen bringt. Anna macht sich Vorwürfe: Ist sie schuldig? Sie war es, die Stella neue Kleider schenkte, der jungen Frau ihre schöne Weiblichkeit zeigte. Richard, dem Gewaltmenschen und Lebemann, dem oberflächlich gezähmten Raubtier, dem gütigen Mörder, Richard mit der rahmenlosen Brille hinter der Zeitung fiel diese Weiblichkeit in den Schoß.

Er hat Anna zuvor schon oft betrogen, doch das System war eingespielt, lief nach Regeln, die die neunzehnjährige Stella nicht kennen konnte. Da waren plötzlich Gefühle, innerer Aufruhr, heimliche Tränen, eine Abtreibung. Stella bleibt sogar in ihrem Untergang, dem fahrlässigen Suizid, zurückhaltend und rücksichtsvoll. Und als sie tot ist und Anna ihre Leiche identifiziert, gibt es keinen Eklat. Mit dem Tode Stellas scheint die vermeintliche Ordnung wieder hergestellt. Doch damit ist Annas Geschichte noch lange nicht zu Ende.

Julian Roman Pölsler verfilmte Marlen Haushofers lange Zeit als unverfilmbar geltenden Roman „Die Wand“ 2012, mehr als 50 Jahre nach seinem Entstehen. Das Resultat: Ein dystopischer Heimatfilm, in dem die innere Befindlichkeit zur äußeren Bedrohung wird, erreichte ein großes nationales und internationales Publikum. Eine geglückte Literaturverfilmung, die nun in einem „Die Wand“-Prequel und als Teil einer Haushofer Trilogie ihre Fortsetzung findet.

Das Private ist politisch. Selten wird dies so deutlich wie bei Haushofer, der legendären oberösterreichischen Autorin, die in ihren Texten die inneren Widersprüchlichkeiten des Lebens bloßstellt. Ganz ruhig und gleichzeitig gnadenlos erzählt sie, die messerscharfe Beobachterin, von tödlichen Zumutungen ihrer Heldin, von Depression und Unterwerfung. Haushofer ist brutal wie ein Vorschlaghammer. Julian Roman Pölsler spannt in „Wir töten Stella“ einen eleganten Bogen zu „Die Wand“, einen Querverweis ins Salzkammergut zu Haus und Hund und Bauersfrau und jener unfassbaren, unsichtbaren Distanz seiner Hauptfigur. Auch in„Wir töten Stella“ ist Martina Gedeck eine Naturgewalt.

Bildquellen:

  • Wir_töten_Stella: ©filmpresskit
  • Wir töten Stella – Dreharbeiten: © epo-film / Dieter Nagl