Gaspar Noé lässt in seinem neuen Film „Climax“ eine Gruppe echter Tänzer aneinander geraten. Die nicht ausgebildeten Schauspieler erleben einen Höllentrip nach dem ein Mitglied der Gruppe Drogen in den Punsch gemischt hat. Schnell nimmt der Film an Fahrt auf. Noé enttäuscht mal wieder nicht. 

Eine Tanzgruppe quartiert sich für Proben in einem abgelegenen Übungszentrum ein. Bei der Abschlussparty mischt ein Unbekannter Drogen in die Sangría und verursacht damit einen kollektiven Höllentrip. Aus Angst wird Paranoia, aus unterschwelliger Aggression offene Gewalt, aus Zuneigung unkontrollierte Begierde. Die energetische Choreographie löst sich in Chaos auf, die Tänzer taumeln, stolpern und tanzen weiter in höchster Ekstase bis zum Morgengrauen als die Polizei eintrifft und das ganze Ausmaß entdeckt.

Ein atemlos faszinierender Rausch von einem elektrisierenden Soundtrack getrieben bis zur Bewusstlosigkeit, gefilmt in kürzester Zeit mit professionellen Tänzern (u.a. mit der legendären Breakdancerin Sofia Boutella). Mit „Climax“ läuft Gaspar Noé zu neuer Höchstform auf und gewann damit die Quinzaine des Réalisateurs beim diesjährigen Festival in Cannes.

„Climax“ spielt im Jahr 1996. Entsprechend wählte Gaspar Noé ausschließlich Musik aus, die es zu dieser Zeit bereits gab und teilweise zu dieser Zeit populär war. Mit Ausnahme einer Instrumentalschleife von „Angie“ von den Rolling Stones, die während der Nachernte der gemeinsamen Horrornacht zu hören ist, handelt es sich bei sämtlichen Tracks um Tanzmusik. Eine wichtige Rolle spielen dabei Nummern von Cerrone und Giorgio Moroder, beides wichtige Pioniere europäischer Discomusik Mitte der Siebzigerjahre, einer aus Italien, der andere aus Deutschland. Nicht nur prägten sie den Sound der Musik von damals, die erstmals einer schwulen Minderheit ein popkulturelles Zuhause gab, ihr musikalischer Ansatz ist auch Grundlage für alle späteren Formen populärer Tanzmusik, von House und Techno über modernere Sounds wie French House oderElectro. Aus den Siebzigern stammt außerdem ein Discohit von Patrick Hernandez, „Born to Be Alive“. Der zunehmend größeren Bedeutung synthetischen Sounds wird der Film mit zwei Hits von Soft Cell gerecht, die Sixties-Coverversionen „Tainted Love“ und „Where Did Our Love Go“, die wichtige Hymnen der schwulen Szene ihrer Zeit waren.

Beginnend mit „Pump Up the Volume“ von M/A/R/R/S, der 1987 der erste auf Samples beruhende Popsong war, der in den Charts die Top 10 knackte, wechselt Noé musikalisch in die Zeit, die von Techno und House aus Detroit beeinflusst ist: „Electron“ von Wild Planet, „French Kiss“ von Lil Louis oder „Voices“ von Neon sind allesamt Dancefloor-Tracks aus den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, als die moderne Ravekultur zur treibenden Kraft der Jugendkultur wird. Schließlich kommt man mit einem frühen Track von Daft Punk, den Pionieren des French House, in der Gegenwart des Films an (zwei weitere Stücke stammen von Daft-Punk-Mitglied Thomas Bangalter, der bei der Auswahl der Musik beratend zur Seite stand). Aus der Rolle fällt die Wahl von „Windowlicker“ von Aphex Twin: Der verstörende Technotrack stammt aus dem Jahr 1999 – aber ganz offenbar verbeugt sich Gaspar Noé nicht nur vor der Musik des unangepassten Musikrevolutionärs, sondern auch vor dem zugehörigen Videoclip, der von Chris Cunningham inszeniert wurde und als eines der erschreckendsten Musikvideos überhaupt gilt. Die Verwandtschaft mit der Geisteshaltung und Weltsicht von „Climax“ ist offenkundig.

„Climax“ läuft aktuell noch im Kino. Sehenswert und nichts für schwache Nerven sind u.a. die experimentierfreudigen Kameraeinstellungen. 

Bildquellen:

  • Climax: ©Alamode Film